Lesung mit Elke Scheiner

Capinero, Ein Vogel
Wenn Künstler zeichnen, dann greifen Sie oft auch zum Stift, um zu schreiben. Genau das hat die Künstlerin Tanya Josefowitz, geb. Kagan für ihr 2022 im Elsinor Verlag Coesfeld publiziertes Buch „Capinero. A Bird. Ein Vogel“ getan. Wie bereits in ihrem 2019 ebenfalls im Elsinor in Deutsch erschienenen Memoir „I Remember – / Ich denke an. . .“, das 2019 legt sie in „Capinero“ ihre autobiographische Erzählung wie eine Ausstellung an.
Obwohl beide Geschichten ganz unabhängig voneinander geschrieben wurden und anscheinend auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, kann ein einfühlsamer Leser ein Thema erkennen, das beide teilen: „bedrohtes Leben“ und „gerettetes Leben“ durchziehen sie wie ein Leitmotiv. Tanya verlor durch den Holocaust 32 Mitglieder ihrer Familie.
Sie mußte 1938 als 8-jähriges Mädchen mit ihrer Familie ihre Geburtsstadt Worms verlassen. Ihre glücklich endende Flucht führte sie nach New York. Sie gründete sie mit dem Musiker und Dirigenten David Josefowitz ihre eigene Familie.
Bis zum heutigen Tag hat sie das Trauma der Flucht nicht verlassen. Ihr Leben und künstlerisches Werk sind gekennzeichnet von einer Zäsur, die nur als Leerstelle bezeichnet werden kann. Die Zäsur ist bestimmt von ihrer unvorstellbaren Rettung vor der Ermordung durch die Nazis durch einen „Schutzengel“ in Nazi-Uniform.
Diese Leerstelle ist eingebettet in ein warmes familiäres Zuvor und ein umfangreiches erfolgreiches Danach. Es gibt keine Dokumente, in denen Tanya ihre Erfahrungen zwischen 1938 und 1949 weder in Wort noch Bild ausgedrückt hat. Es ist aber auch gut, diese Leerstelle so zu belassen. Sie ist der Raum, in dem die Mehrheit der Juden in Deutschland dem Morden anheimgefallen sind, während nur einer kleinsten Minderheit eine Flucht vor dem Holocaust gelang und ein Überleben gewährt wurde.
Tanya’s Leben ist typisch und untypisch zugleich. Es ist gekennzeichnet vom Trauma des Holocaust und damit von der Bedrohung des eigenen Lebens. Neben dieser Bedrohung steht die positive Erfahrung einer außergewöhnlichen Rettung und damit des Überlebens mit der Möglichkeit eines Neubeginns.
Nicht jedem Überlebenden gelang und gelingt der Neubeginn. Viele sind unter der Erfahrung der Bedrohung und des Verlustes zusammengebrochen. Oder sie waren so beschädigt, dass Lebensfreude und Kreativität für immer ausgelöscht waren.
Anders bei Tanya.
Die Dokumentation wichtiger Stationen ihres Lebens in ihren zwei schlanken Büchern gibt Zeugnis, wie trotz des Traumas ein Neubeginn und die Entfaltung von Talenten möglich waren, die sich in vielfältiger Weise in ihrem Schreiben und Zeichnen erkennen lassen. Ihr Leben gibt dem Leser Mut, sich auf das Thema des Überleben einzulassen; denn es gibt Zeugnis davon, dass es ein „Jenseits“ von dem gibt, was ursprünglich als Auslöschung durch das nationalsozialistische System konzipiert wurde.
Tanya‘s schriftstellerische und zeichnerische Kreativität wird somit zum Dokument einer realistischen Hoffnung, dass Trauma bedingte Leerstellen in einem Leben durchaus mit einem Wegweiser auf ein mögliches Überleben verbunden werden dürfen.
Das Buch Capinero wurde am 25.02.1992 in Lausanne/ Schweiz im Eigenverlag gedruckt.
Das Buch I Remember wurde in London im Juni 1999 ebenfalls im Eigenverlag gedruckt; Tanya Josefowitz, geb. Kagan verfaßte es erst nach dem Tode ihrer Mutter Hildegard Kagan, geb. Wallach ( 1904 – 1997 ).
Beide Bücher wurden von Dr. Jörg W. Rademacher, Leer, übersetzt und herausgegeben. Sie wurden von Elke Scheiner und Adrian Mills auf Deutsch und auf Englisch 2021 eingelesen. Auch die Hörbücher stehen kurz vor der Produktion. Als Taschenbücher passen beide Bände genau nebeneinander in den Bücherschrank!
ISBN 939483-52-6 (14.00 €) „I Remember“
IBSN 939483-68-7 (15.00 €) „Capinero“
Sie sind zu bestellen im Buchhandel oder direkt beim Verlag. Autoren- und Übersetzerhonorare fließen in die Erinnerungsarbeit am Ulrichsgymnasium Norden.
