„Bravourös vorgetragen – und bedrückend
Szenische Lesung mit Roman Knižka zum Abschluss der SchUM-Kulturtage hallt nach
Von Ulrike Schäfer
WORMS. Die letzte Veranstaltung der SchUM-Kulturtage war die szenische Lesung „Ich hatte einst ein schönes Vaterland –Jüdisches Leben in Deutschland“ mit dem Schauspieler Roman Knižka, dem Bläserquintett Opus 45 und der Sopranistin Pia Liebhäuser. Es war ein Abend, der noch lange nachhallen wird: beglückend, weil das Programm so klug zusammengestellt und so bravourös vortragen wurde; bedrückend, weil es einmal mehr bewusst machte, dass die Gemeinschaft von Juden und Christen in Deutschland immer wieder gefährdet war bis hin zur Katastrophe der Schoa.
Die Klammer dieses Abends war die schmerzvolle Klage „Ich hatte einst ein schönes Vaterland“ aus Heinrich Heines 1832 im französischen Exil verfassten Gedichts „In der Fremde“, ein Satz, den Mascha Kaléko fast 100 Jahre später in ihrem Gedicht „Im Exil“ aufgegriffen hat.
Dazwischen las, ja, spielte der begeisternd wandlungsfähige Roman Knižka Texte, die auch positive Ansätze im Verhältnis der christlichen Gesellschaft zu den Juden zeigten, wie die Forderung des preußischen Diplomaten Christian Wilhelm Dohm nach religiöser Toleranz und einem Ende der rechtlichen und gesellschaftlichen Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung.
Hohes Ansehen genoss der Philosoph und Wegbereiter der Aufklärung, Moses Mendelssohn, dem Lessing mit der Figur Nathans des Weisen ein einzigartiges Denkmal gesetzt hat. Knižka erzählte die Ringparabel so eindringlich, dass jedes einzelne Wort Gewicht hatte.
1809 erließ Großherzog Carl Friedrich das Badische Judenedikt, das Juden den Christen rechtlich gleichstellte. Doch im Alltag funktionierte es nicht. 1819 kam es zu den sogenannten Hep-Hep-Krawallen. Rahel Varnhagens Bruder Ludwig Robert schilderte die Ausschreitungen des Mobs in Karlsruhe und war entsetzt, dass keiner der einflussreichen Bürger Partei für die verfolgten Juden ergriff. Voll Bewunderung beschrieb der Schauspieler Eduard Devrient das positive häusliche Umfeld des jungen Felix Mendelssohn-Bartholdy als Voraussetzung für seine hohe Musikalität. Ganz anders nimmt sich Richard Wagners ungezügelter Hass gegenüber jüdischen Komponisten aus. Wie wenig sein Urteil zutraf, zeigten die Musikstücke, die gefühlvollen jiddischen Lieder, auch Gustav Mahlers „Urlicht“ und die so mitreißend lebendigen Stücke Mendelssohns, Victor Ullmanns, Carl Sigmund Taubes und Jacques Ibert, vom fünfköpfigen Ensemble Opus 45 federleicht interpretiert. Pia Liebhäusers schöner Sopran erfasste die oft wehmütige, immer zärtliche Stimmung der Lieder.
Als Beispiel für den dann zunehmenden Antisemitismus las Roman Knižka die folgenschweren Sätze des Historikers Heinrich von Treitschke: „Die Juden sind unser Unglück“ – und stürzte rittlings von der Bühne, als er den Brief des jungen Emil Lewinsohn an seine Eltern las, der für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg gezogen war und nicht wiederkehrte. Die berührenden Gedichte von Mascha Kaléko, die Auschwitz-Schilderungen Anita LaskerWalfischs konfrontierten die Zuhörerschaft im Theater mit dem Unsagbaren der Schoa.
Der Abend endete nicht in schuldbewusster Erinnerung, denn Roman Knižka las Sätze aus Max Czolleks kämpferischem Buch „Desintegriert euch!“ Ja, es gilt immer noch, Einstellungen zu überdenken und neue zu gewinnen.“
(Artikel erschienen am 27.11.2023 in der Wormser Zeitung)
