„Alter und neuer Antisemitismus – von den Protokollen der Weisen von Zion bis zur Charta der Hamas“ mit Prof. Dr. Andreas Lehnardt

Professor klärt über Ursprünge des Antisemitismus auf

Von Ulrike Schäfer

WORMS. Am liebsten hätte Dr. Andreas Lehnhardt, Professor für Judaistik der Evangelisch-Theologischen Fakultät an der Universität Mainz, darüber gesprochen, welche Bereicherung die Juden über Jahrhunderte für Deutschland waren; der Verein Warmaisa hatte ihn jedoch eingeladen, um über den Ursprung des Antisemitismus im 19. Jahrhundert und sein aggressives Auftreten nach dem 7. Oktober 2023 zu sprechen. Das Thema interessierte so sehr, dass zur Freude des Vereinsvorsitzenden Patrick Mais im Liebfrauensaal des Kulturzentrums sogar noch weitere Stühle gestellt werden mussten.

Lehnhardt schickte voraus, dass er den Begriff Antisemitismus, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, nicht für sehr passend halte. Die Phobie gegen Juden sei zutreffender mit Judenhass zu bezeichnen. Sie sei wie eine kulturelle Psychose, die leider nicht in einer Generation zu beheben sei. Sie lasse sich allenfalls eindämmen.

Im Zentrum seines Vortrags standen die 1868 erstmals veröffentlichten „Protokolle der Weisen von Zion“. Es handelt sich um ein Sammelwerk, dessen Kern aus dem Buch „Biarritz“ von Sir John Ratcliffe (Hermann Goedsche) stammt. Geschildert wird darin eine fiktive jüdische Geheimkonferenz auf dem Friedhof in Prag, die Beschlüsse fasst, um die jüdische Weltherrschaft zu erringen. Zwar wurde das Pamphlet eindeutig als böswillige Fälschung entlarvt, doch es verbreitete sich trotzdem rasch. 1878 erschien es in russischer Sprache. Die erste deutsche Übersetzung besorgte 1919 Gottfried zur Beek (Pseudonym des Ludwig Müller).

Pamphlet von 1868 führte zu Verschwörungstheorien

Allein zwischen 1920 und 1938 brachte es diese Version auf 22 Auflagen. Der NS-Welt-Dienst nutzte den Kern des Falsifikats, um eine gefährliche Verschwörungslegende zu konstruieren, die die Ängste der Menschen schürte. So wurde behauptet, die Juden hätten große Städte untertunnelt, um sie, wenn die Zeit gekommen sei, in die Luft zu sprengen.

Die „Weisen“ wurden von Europa aus in den arabischen Staaten weit verbreitet. Im Artikel 22 der Charta der Hamas von 1988 finden sich Sätze, wie: Die Juden hätten gewaltige Reichtümer angehäuft, um ihren Traum (von der Weltherrschaft) zu verwirklichen. Sie kontrollierten die Weltpresse und zettelten in verschiedensten Teilen der Erde Revolutionen an, um ihr Ziel zu erreichen. Seit 2017 gibt es zwar eine neue Charta der Hamas, so Lehnhardt, die alte gelte aber weiterhin.

Der Israelkenner führte im Einzelnen aus, wo die Fälschung, oft verwoben mit Sätzen eines orthodox interpretierten Korans, kursiert. Bis heute finden die Texte auch bei in Deutschland lebenden Palästinensern und der extrem Rechten Verbreitung. 2006 waren sie auf der Frankfurter Buchmesse und 2023 angeblich aus Versehen im Schaufenster des Zentralrats der Palästinenser in Berlin ausgelegt.

Im Anschluss an den Vortrag Lehnhardts wurden viele Fragen zur aktuellen Situation in Nahost gestellt. Der Referent erwies sich auch hier als kompetenter Kenner. Wunsch mancher Zuhörer: Dass er bald wiederkommt, um über die jüdische Blütezeit in Worms zu sprechen.“

Der Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 und seine Folgen lassen sich noch nicht recht einordnen und Vergleiche mit vorangegangenen Verbrechen werfen allesamt Fragen auf. Von verschiedener Seite wurde dabei betont, dass im Verlauf der von der Hamas initiierten Massaker an einem Tag so viele Jüdinnen und Juden ermordet wurden wie an keinem anderen Tag seit der Shoah. Ist es angesichts dieses Vergleichs und eingedenk der aktuellen Folgen des Angriffs überhaupt möglich, wie in den vergangenen Jahren einfach der Opfer des Holocaust zu gedenken, ohne auf die Verbrechen an Jüdinnen und Juden Bezug zu nehmen? Der Beitrag von Prof. Andreas Lehnardt, Inhaber des Lehrstuhls für Judaistik an der Johannes Gutenberg Universität in Mainz, möchte auf einige aktuelle Aspekte des alten europäischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts eingehen, und sie mit Motiven und Stereotypen in Schriften und Äußerungen der Hamas und anderer palästinensischer Organisationen sowie populären arabischen TV-Serien in Beziehung setzen. Ausgehend von den ominösen Protokollen der Weisen von Zion, die aus einer Fälscherwerkstatt des zaristischen Geheimdienstes stammen und die vermeintliche Pläne zur Übernahme der Weltherrschaft skizzieren, soll den Motiven für den erneut auch auf den Straßen und Plätzen in Deutschland sichtbaren Judenhass nachgegangen werden. Welche Ideen und Vorstellungen können als Erklärungsrahmen für den grausamen Ausbruch von Hass und Gewalt herangezogen werden? Lassen sich Zusammenhänge rekonstruieren, wenn in (einer Version) der Charta der Hamas aus dem Jahr 1988 auf die erwähnten Protokolle Bezug genommen wird – alte islamische Traditionen vom Zusammenleben mit den „Schriftvölkern“ jedoch vergessen scheinen?

Text von Prof. Andreas Lehnardt

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