Am 25.11.2024 erschien Ulrike Schäfers Artikel in der Wormser Zeitung
Erinnerung an Nazi-Opfer: 22 weitere Stolpersteine in der Stadt verlegt / Zahlreiche Familien aus den USA angereist.

WORMS . Schon immer mal waren Nachfahren geflüchteter oder ermordeter Wormser Juden bei Stolpersteinverlegungen dabei, auch Schüler hatten schon Kurzbiografien an Stolpersteinen verlesen, aber dieses Mal, bei der 18. Verlegung, war alles noch ein bisschen größer, intensiver. Inga May, Schriftführerin des Vereins Warmaisa, der seit 2006 die Stolpersteinverlegungen organisiert, hatte Kontakt zu mehreren jüdischen Nachfahren aus USA aufgenommen, mit dem Ergebnis, dass bereits am Vortag 20 Kinder, Enkel und Urenkel angereist waren. Ihren Aufenthalt in Worms hatte May perfekt organisiert. So führte Warmaisa-Mitglied Michael Steiner die amerikanischen Gäste durch das jüdische Worms, auf den Heiligen Sand und den neuen israelitischen Friedhof auf der Hochheimer Höhe, wo die Eltern der Familie Albert und Flora Herz begraben sind. Abends traf man sich zum gemeinsamen Abendessen. „Es war eine sehr lockere, freundliche Atmosphäre“, berichtet die stellvertretende Warmaisa-Vorsitzende Katharina Drach.
Am Freitagmorgen sammelte sich eine große Menschenschar, darunter zwei Parallelklassen der Karmeliter-Realschule plus mit ihrer Lehrerin Joana Vogt, vorm Raschihaus und wurde begrüßt von Bürgermeisterin Stephanie Lohr, der selbst das Gedenken an die Wormser Juden ein großes Anliegen ist. Mit dem erschütternden Gedicht „Leon Wolke“ von André Heller machte Manfred Dröge, Warmaisa, den Sinn der Stolpersteinverlegung noch einmal sehr deutlich: Die Menschen, die grausam verschleppt, ermordet oder aus der Heimat vertrieben wurden, dürfen nicht vergessen werden. Liebevoll hatte Dröge Daten über Emma Esther Oppenheimer zusammengetragen, über die fast nichts bekannt ist. Sie kam erst 1939 mit 73 Jahren nach Worms und wohnte im jüdischen Altersheim. Im September 1942 wurde sie nach Theresienstadt deportiert und ermordet. Vor der ehemaligen Eisenwarenhandlung Herz in der Kämmererstraße 10 wurde am längsten Station gemacht. Hier verlegte der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine für Flora Herz und ihre Töchter Edith und Suse Margot – einen Stein für Vater Albert Herz gibt es bereits. Jerry Lucas und Ruth Finegold, die Kinder Ediths, berichteten eindringlich, wie Mutter und Großmutter die Hölle mehrerer KZs und des Todesmarsches überlebt hatten. Elaine Peizer, die Tochter von Suse Herz, verlas, wie ihre Mutter als Achtjährige mit dem Kindertransport nach England geschickt wurde und erst später in den USA Mutter und Schwester wiederfand. Die bewegenden Berichte wurden jeweils in deutscher Sprache von Schülerinnen und Schülern der Karmeliter-Realschule vorgetragen, und sicher war das für diese jungen Menschen ein eindrucksvolles Erlebnis. Während der Lesung ging es ringsum geschäftig und geräuschvoll zu, und das Mikrofon funktionierte nicht. Die Polizei, die die Verlegung über den Morgen begleitete, half mit einem Megafon aus. Das klappte gut.
Insgesamt wurden an diesem Morgen 22 Steine verlegt, jeder Zeugnis eines unmenschlichen Schicksals. Die amerikanischen Besucherinnen und Besucher waren immer dabei bis zur letzten Verlegung in der Hochheimer Straße 19, wo die Familie Arthur und Alice Ebert mit den Söhnen Paul und Heinz zuletzt gewohnt hatte. Den Erberts gelang, nachdem sie ihre beiden gut florierenden Papierwerke in Osthofen und Hannover und auch ihr schönes Wohnhaus zu einem Spottpreis hatten verkaufen müssen, noch rechtzeitig die Flucht in die USA. Jeff Ebert, Sohn von Paul Ebert, der mit seinen Kindern und Enkeln und seiner Schwester Renee Hillman und deren Ehemann anwesend war, las vor, welches große Unrecht seinen Großeltern widerfahren war.
Kein Jude war Werner Smith. Er wurde im Alter von drei Jahren in der „Kinderfachabteilung“ Kalmenhof/Idstein ermordet, weil er geistig behindert und somit „unerwünscht“ war. Seine Nichte Ulrike Smith, die erkrankt war und sich durch eine Freundin vertreten ließ, hatte erst durch einen Zufall erfahren, dass es den kleinen Jungen gegeben hatte. Die Entdeckung, dass er ermordet worden war, habe sie traurig und wütend gemacht, schrieb sie. Sie habe die Verlegung eines Stolpersteins für Werner vorangetrieben, um die Existenz dieses Kindes zu bezeugen.
„Man kann nur Lehren ziehen aus dem, was man nicht vergisst“, lautet der letzte Satz im Gedicht „Leon Wolke“. Mit über 300 Stolpersteinen Warmaisa versucht, den verfolgten, ermordeten oder geflüchteten Juden einen Platz im Gedächtnis der Wormserinnen und Wormser zu geben.“ von Ulrike Schäfer
