Am 4.10.2024 schrieb unser Vereinsmitglied Ulrike Schäfer folgenden Artikel in der Wormser Zeitung:
WORMS . Am 22. November, ab 9 Uhr, werden wieder Stolpersteine in Worms verlegt, 22 an insgesamt zehn Orten. Wie immer hat der Verein Warmaisa recherchiert, wo Menschen lebten, die in der NS-Zeit verschleppt und ermordet wurden oder fliehen mussten. Die Dokumentation von Karl und Annelore Schlösser ist dabei nach wie vor eine wichtige Grundlage. Die Stolperstein-Gruppe nutzt aber auch andere Quellen, um mehr über die meist jüdischen Opfer zu erfahren.
Für gerettete Schwestern ein Wiedersehen in den USA
Inga May, Schriftführerin von Warmaisa und Mitglied der Gruppe, berichtet, dass sie im Bundesarchiv nachforscht, Standesämter um Geburts- und Heiratsurkunden anfragt, Adressbücher durchsieht, Einsicht in Häftlingsprotokolle nimmt und anderes mehr. Besonders ergiebig ist es, wenn sich Kontakte zu Überlebenden ergeben. Derzeit hat sie einen lebhaften Austausch mit Suse Rosenstock, die wie ihre Mutter Flora Herz und ihre Schwester Edith Lucas-Pagelson überlebte. Suse hat 1996 in einem Interview geschildert, dass ihre verzweifelte Mutter das damals achtjährige Mädchen – nach den schlimmen Erfahrungen in der Reichspogromnacht – 1939 in einen Zug nach England setzte, um ihr Leben zu retten.
Die ältere Schwester Edith, die zunächst in Worms blieb, überlebte eine kaum vorstellbare Reise, die nach Theresienstadt und von dort über Auschwitz/Birkenau und Stutthof an die russische Front führte. Beide Schwestern und Mutter Flora sahen sich wieder in USA und konnten sich dort ein gutes Leben aufbauen. Edith, die im Oktober 2023 verstorben ist, hat unermüdlich in Schulen, Universitäten, Synagogen und kommunalen Einrichtungen ihre Geschichte der „Verfolgung, des Schreckens, der Resilienz und der Wiedergeburt“ erzählt in der Hoffnung, damit die Haltung von jungen Menschen beeinflussen zu können. Nachkommen der Schwestern werden bei der Verlegung der Stolpersteine für Flora, Edith und Suse Herz dabei sein.
Über die Familie Herz kam Inga May auch in Kontakt mit den Familien Ebert und May. „Die kannten sich alle“, sagt sie. „Sie mussten ja während der Nazi-Diktatur näher zusammenrücken und unterstützten sich auch gegenseitig. Viele trafen sich dann in den USA wieder.“ So werden auch Nachfahren weiterer Familien zum 22. November nach Worms kommen.
Lebensgeschichten der Menschen werden vorgelesen
Für die Schülerinnen und Schüler der 10. Klasse der Karmeliter-Realschule plus wird diese Verlegung etwas Besonderes sein. Sie werden an einzelnen Stationen Texte zu den Lebensgeschichten der Menschen, an die erinnert werden soll, lesen und nach Möglichkeit auch mit den Nachfahren sprechen können. Motor für diese Begegnung ist Lehrerin Joana Vogt. Sie hatte bereits im vergangenen Jahr die zwei 10. Klassen in Geschichte. „Sie wollten damals unbedingt ihren ersten Ausflug in die Gedenkstätte Osthofen machen. Das fand ich schon sehr erstaunlich“, sagt sie. Sie hatte dann die Idee, mit den Schülern Stolpersteine der Innenstadt zu putzen. „So kam der Kontakt zu Warmaisa zustande. Patrick Mais, der damalige Vorsitzende, hat uns sogar Putzmittel zur Verfügung gestellt“, erzählt sie. „Alle Schüler, auch die muslimischen, haben mitgemacht. Keiner hat sich geweigert. Besonders begeistert waren sie, als sie bei ihrer Putzaktion den Vereinsgründer, Roland Graser, getroffen haben“, erinnert sie sich lächelnd.
„Warmaisa hat uns dann auch eine Fahrt ins ehemalige KZ Natzweiler-Struthof im Elsass komplett finanziert.“ Inga May, die die Klassen begleitete, sagt, sie sei überrascht gewesen, wie freundlich der Umgang der Schülerinnen und Schüler miteinander war. Sie fand auch den Zugang zu diesem schwierigen Thema sehr gelungen, denn Joana Vogt hatte den Jugendlichen zur Vorbereitung Texte aus dem Lager gegeben, die sie dort vorlesen konnten. Schulleiter Günther Barth bestätigt das gute Miteinander der Schüler, die größtenteils aus unterschiedlichen Kulturen stammen. „Darauf bin ich wirklich stolz.“
Die Zehnten vom vergangenen Jahr haben mittlerweile die Schule verlassen. Für die kommende Stolpersteinverlegung haben die neuen Zehnten selbst noch keine Recherchen angestellt. Das ist aber unbedingt ein Lernziel für das laufende Schuljahr, bekräftigt der Schulleiter, der selbst Geschichte studiert hat und die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema verstetigen möchte. Unterstützung wird die Schule dabei sicher von Inga May haben. Am 11. November aber werden die Schülerinnen und Schüler sich erst einmal putzend und wienernd mit vorhandenen Stolpersteinen beschäftigen.
