1. November 2025 im Mozartsaal des WORMSER: Michel Friedmans Lesung aus seinem Buch „Judenhass“ – ein großer Erfolg

Im Rahmen der SchUM Kulturtage 2025 Worms förderte WARMAISA – Gesellschaft zur Pflege und Förderung jüdischer Kultur in Worms – diese Veranstaltung.

Hier Ulrike Schäfers Artikel in der Wormser Zeitung zur Lesung:
Wormser Zeitung, Montag, 03.11.2025

Wachsende Sorge um Demokratie

Michel Friedman liest bei SchUM-Kulturtagen aus „Judenhass“ / Publizist mit deutlicher Botschaft an Zuhörer

Mahnende Worte: Der Autor Michel Friedman sieht in Deutschland eine zunehmende Gefährdung der Demokratie und wundert sich über die Lethargie in der Bevölkerung.

Von Ulrike Schäfer

WORMS. In Klütz, Mecklenburg-Vorpommern, kam es kürzlich zu einem Eklat, weil eine fürs kommende Jahr angekündigte Lesung mit Michel Friedman abgesagt wurde, angeblich, weil man ihn nicht genug schützen könne. In Worms dagegen wurde der renommierte Publizist am Samstag mit größtem Respekt von OB Adolf Kessel und Gerhard Schwab, dem Vorsitzenden des Vereins Warmaisa, im ausverkauften Mozartsaal willkommen geheißen. Kulturkoordinator David Maier, der die Veranstaltung mit viel Feingefühl moderierte, stellte den Juristen, Autor und Moderator als prägenden zeitgenössischen Denker vor.

Einstieg mit einer rhetorischen Frage

Friedmann las im Rahmen der SchUM-Kulturtage Passagen aus seinem im vergangenen Jahr veröffentlichten Buch „Judenhass“, und die ersten Worte waren provokativ: „Wie macht man es, so gleichgültig, so abgestumpft zu sein?“ Mit dieser eher rhetorischen Frage bezog sich der Autor sowohl auf eine fehlende, zumindest wenig sichtbare Solidarität der Deutschen mit dem israelischen Volk nach dem grausamen Überfall der Hamas am 7. Oktober 2023, als auch auf die Lethargie, mit der die Bürgerinnen und Bürger der wachsenden Gefährdung ihrer Demokratie begegneten.

Zunächst beklagte Friedman, dass in Deutschland die ersten Reaktionen auf das Massaker der Hamas – noch vor dem Vergeltungsangriff der israelischen Armee – antisemitische Demonstrationen gewesen seien. Weder seien in gleichem Umfang Menschen für die jüdischen Opfer auf die Straße gegangen, noch habe der Staat eingegriffen, als in Berlin die Sätze „Tod den Juden“ skandiert worden seien. Nicht wütend mache es ihn, sondern traurig, dass sich heute Juden und Jüdinnen in Deutschland nicht mehr frei bewegen können, dass jüdische Schulkinder mit dem Wissen leben müssten, dass ihr Leben hier bedroht ist.

Einerseits führte Friedman die „selektive Solidarität“ auf prinzipiell fehlende Empathie mit anderen Menschen zurück, ob Juden, Muslime, Migranten, Queere, andererseits aber auch auf einen wieder erstarkenden Antisemitismus. Nicht ganz nachzuvollziehen war sein Argument, dass allein die christlichen Kirchen für den Antijudaismus verantwortlich seien, am wenigsten bezweifeln nämlich diese selbst nicht, dass sie sich schuldig gemacht haben, bekennen dies auch, und in keiner Kirche wird man heute noch hören, dass die Juden die Mörder Jesu seien. Tatsächlich, führte Friedman aus, wurde die Katastrophe der Shoa in der Nachkriegszeit lange nicht aufgearbeitet – meist auch nicht mit der erforderlichen Konsequenz. Viele Verantwortliche wurden staatlicherseits nicht verfolgt, aber es fanden auch keine Gespräche zwischen den Generationen statt. Schweigen herrschte in den meisten Familien vor. Das erschwere einen Austausch mit den Nachkommen von Betroffenen, Voraussetzung für Empathie und den festen Willen, „es anders zu machen“.

Besonders im Blick hatte Friedman den Zustand der Demokratie, ihre allmähliche Aushöhlung durch den strukturellen Rechtsradikalismus, wie man ihn in den USA und Ungarn erlebe. Die Reizschwelle habe sich in den letzten Jahren immer weiter verschoben. „Können Sie mir garantieren, dass Deutschland noch in vier bis acht Jahren demokratisch ist? Kann ich mich auf Sie verlassen, können Sie sich auf sich verlassen?“, fragte er in die Runde. Er iagnostizierte unter anderem einen Verlust einer aufgeklärten, wissensbasierten Streit- und Konfliktkultur und forderte, dass schon in den Schulen Methoden vermittelt werden müssten, um Gerüchte zu dekonstruieren. Immer wieder betonte er eindringlich, dass er für die Demokratie kämpfe, weil er in Freiheit leben wolle. „Wenn Sie sich in Russland frei äußern, sitzen Sie bald im Gefängnis oder liegen auf dem Friedhof.“

Nach zwei Stunden wurde der leidenschaftlich argumentierende Rhetoriker mit Applaus verabschiedet. Nicht alle im Saal waren völlig von seinen Ausführungen überzeugt, unter anderem nicht von der Behauptung, dass Muslime nie unter Generalverdacht gestellt würden. Einer Dame fehlte auch ein positiver Ansatz. Doch die Mehrheit strahlte, war begeistert von diesem Abend. „Der war für mich der Höhepunkt der SchUM-Kulturtage“, meinte der Warmaisa-Vorstand.

Im Anschluss signierte Michel Friedman noch Bücher, so auch sein jüngstes Buch „Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten“.

Fotos: Karin Drach

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