Bernhard Spies (*1883), Else Spies, geb. Samuel (*1888), Gerhard Spies (1916 – 2007), Heinz Spies (*1918), Hella Helene Spies (*1919)

In der Köhlerstraße 10 wohnte bis zum Novemberpogrom 1938 Familie Spies.

Für Bernhard Spies, seine Ehefrau Else Spies, geb. Samuel, und ihre drei Kinder Gerhard, Heinz und Hella Helene, die alle in Worms geboren wurden, wurden insgesamt fünf Stolpersteine verlegt.

Bernhard Spies wurde am 14.3.1883 in Biblis geboren und ließ sich 1913 endgültig in Worms als Kaufmann nieder. Weil er als Unteroffizier im Ersten Weltkrieg eine Beinverletzung erlitt, wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Er heiratete am 28.2.1916 Else Samuel, geb. am 3.9.1888 in Stolp/Pommern (Polen). Das Ehepaar hatte drei Kinder: Gerhard Spies, geb. 31.12.1916, Heinz Spies, geb. 27.5.1918, und Hella Helene Spies, geb. 11.11.1919.

In seinem Haus in der Huttenstraße 9, das er bei seiner Eheschließung 1916 bezog, stellte Bernhard Spies einige Jahre lang ein Blutstillungsmittel her, gründete dann aber 1920 eine Ledergroßhandlung in der Dalbergstraße 4. Seit 1927 wohnte die Familie hier in der Köhlerstraße 10 in ihrem eigenen Haus, bis dieses beim Novemberpogrom 1938 von SA-Männern vollständig verwüstet und zerstört wurde. Bis zu ihrer Flucht in die USA im November 1939 wohnte das Ehepaar ab dem 4.5.1939 in der Kriemhildenstraße 20 in Worms.

Bernhard Spies war von 1933 – 1939 Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde Worms. Am 10.11.1938 war er bei der Zerstörung der 900 Jahre alte Wormser Synagoge anwesend. Er informierte den Rabbiner Dr. Frank über den Brand, wurde aber am gleichen Tag verhaftet und mit insgesamt 87 jüdischen Männern aus Worms und Umgebung ins KZ Buchenwald gebracht.

Frau Else Spies wurde damals vorübergehend in Worms inhaftiert, vielleicht weil sie an der brennenden Synagoge versuchte, Kultgegenstände und Wertsachen zu retten. Inzwischen wurde ihre Wohnung in der Köhlerstraße 10 von SA-Männern total verwüstet.

Else Spies hatte eine bedeutende Rolle in der Gemeinde inne. Auch nach Beginn des Zweiten Weltkriegs 1933 war sie vielfältig ehrenamtlich tätig. Sie gründete die Zionistische Ortsgruppe, die Hechaluz, in Worms und half mit Rat und Tat über jüdische Hilfsorganisationen Wormser Familien bei der Auswanderung.

In einem mehrseitigen Text ,,Jugenderinnerungen‘‘ hat Gerd Spies seine Eltern charakterisiert:

,,Meine Mutter war Zionistin seit 1916. Mein Vater, bewusster Jude, sehr religiös erzogen, aber andererseits gut assimiliert, war sich der deutschen Geschichte sehr bewusst und wollte Hitler überleben, und zwar in Worms.‘‘

Nach der Rückkehr ihres Mannes aus der KZ-Haft Buchenwald, bemühten sich die Eheleute um eine Auswanderung in die USA. Der Lift mit der letzten Habe, der nach dem Novemberpogrom und Beschlagnahme noch übrig war, stand fertig gepackt bei der Spedition Schuch. Jedoch ist dieser Lift nie von Worms abgegangen. So kamen die Eheleute Spies mit zwei Koffern in den USA an, nachdem sie im November 1939 über Holland ausgereist waren. Auch in der Emigration kümmerte sich Else Spies weiter um die Not der in Deutschland Zurückgebliebenen.

Bernhard Spies starb bald nach dem Krieg, seine Frau jedoch hat in den Nachkriegsjahren Worms öfter besucht.

Der älteste Sohn Gerhard Spiesmeldete sich am 29.4.1936 nach Zürich ab, um in Bern zu studieren. Von der Schweiz aus ging er nach Italien, doch als sich auch dort im Faschismus antisemitische Ansätze zeigten, hielt er sich ein halbes Jahr illegal in Paris auf und studierte an der Sorbonne. Gerade noch rechtzeitig vor Kriegsbeginn, im August 1939, erhielt er sein Visum und konnte am 10.9. Frankreich nach den USA verlassen. Gerhard Spies lebte verheiratet in New York, besuchte Worms regelmäßig und hatte viele Kontakte in seine alte Heimat. Seit 1961 kam er alle zwei Jahre nach Worms, und hat als Förderer und Unterstützer der WARMAISA viele Briefe geschrieben. Er verstarb am 15.9.2007 in Mamaroneck, USA.

Heinz Spies war vom 24.11.1936 bis 5.8.1938 in Turin (Italien) zum Studieren. Er kehrte einmal nach Worms zurück, aber nur um am 18.9.1939 als Erster der Familie nach New York zu emigrieren. Bekannt ist noch, dass er mit seiner Familie in Centerport, Long Island, lebte.

Hella Spies war am 29.4.1936 nach München abgemeldet worden. In einem Brief schildert sie, warum sie mitten im Schuljahr das heutige Eleonoren-Gymnasium verlassen musste.

,,Ich musste mitten im Schuljahr aus der Eleonorenschule gehen, weil ich unter dem Antisemitismus der Lehrer und der Mitschüler(innen) zu sehr litt.‘‘ 

Im Dezember 1937 kam sie von Berlin nach Worms zurück, um sich dann am 9.5.1939 nach Urfeld bei Köln abzumelden, wo sie sich auf einem landwirtschaftlichen Lehrgang für die Auswanderung nach Palästina vorbereitete.

Vom 3.1.1940 bis 1.2.1940 wohnte sie noch einmal in Worms bei ihrer Tante Dr. Elisabeth Spies, Lutherplatz 5 (in Auschwitz ermordet, der Stolperstein liegt im Lutherring 23 rechts vom Eingang zu Nr. 25).

Obwohl schon länger als ein Jahr Krieg war, konnte Hella Spies im August 1940 Deutschland noch verlassen. Donauabwärts bis ans Schwarze Meer, dann durch die Meerengen und die Ägäis gelangte sie im November 1940 schließlich in die Bucht von Haifa. Hier aber verwehrten die britischen Mandatsbehörden den Ankömmlingen die Einreise nach Palästina und sie wurde auf der „Patria“ nach Mauritius abgeschoben. Dieses Schiff explodierte jedoch am 25.11.1940 und sank. Hella überlebte. Nach einem Jahr im Internierungslager Atlith b. Haifa wurde sie endgültig in Palästina aufgenommen, das ihr zur neuen Heimat wurde. Ihr letzter bekannter Wohnort ist Jerusalem.

 Verlesen und bearbeitet von Gesa Heppener.

Quellen:

Die Steine liegen vor dem Haus Köhlerstr. 10.