• Wormser Juden in der Geschichte

Wormser Juden in der Geschichte

1. Herta Mansbacher, 1885 - 1942

Zu sehen ist eine Porträtphotographie der Herta Mansbacher
Herta Mansbacher

Wissen Sie eigentlich, wer Herta Mansbacher war? Am 26. Januar 2000 gedachte die Wormser Westend-Realschule in einer Feierstunde der hier von 1906-1935 tätigen jüdischen Lehrerin Herta Mansbacher. Damit verbunden war die Verleihung des Preises der “Gesellschaft zur Pflege und Förderung jüdischer Kultur in Worms WARMAISA” in Höhe von 300 DM an den Realschüler Andreas Koob. Er hat im Rahmen eines von Marion  Perera durchgeführten Schulprojektes “Juden in Worms” eine Homepage über Wormser jüdische Persönlichkeiten (Prof. Dr. iur. Hugo Sinzheimer, Komponist und Dirigent Friedrich Gernsheim, Lehrerin Herta Mansbacher)  erstellt. An der Veranstaltung nahmen die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mainz Esther Epstein und der Wormser Oberbürgermeister Gernot Fischer teil. Nach der Begrüßung durch Realschulrektor Joachim Thoma und  umrahmt vom Oberstufenchor unter Leitung von Heidrun Harbich stellte Dr. Fritz Reuter vom Vorstand der Gesellschaft WARMAISA den Lebensweg von Herta Mansbacher vor.
Das Wormser Schulwesen erfuhr im Jahr 1824 eine wichtige Prägung. Damals richtete die Stadtverwaltung eine “Gemeinsame Volksschule” ein, in der Kinder sowohl der beiden christlichen Konfessionen wie aus jüdischen Familien unterrichtet wurden. Eine Trennung erfolgte lediglich im Religionsunterricht sowie, der damaligen Praxis entsprechend, in separaten Knaben- und Mädchenklassen. Da die rechtliche Gleichstellung des jüdischen Bevölkerungsteiles von Worms, die so genannte Emanzipation, jedoch erst um die Mitte des 19. Jahrhunderts konkret wurde, gab es zunächst keine jüdischen Volksschullehrer. Der erste jüdische Lehrer an einer Volksschule in Worms und zugleich im Großherzogtum Hessen war Samson Rothschild (1848-1939). Er wurde 1874 angestellt, brachte es bis zum Hauptlehrer und schied erst 1921 im Alter von 73 Jahren aus dem Schuldienst aus. In den Reden und Zeitungsartikeln zu seinem 80. Geburtstag werden immer wieder seine auch außerdienstlichen Bemühungen um seine  Schüler hervorgehoben. Er besuchte sie, wenn sie krank waren oder die Familien Probleme hatten. Der ausgebildete Pädagoge erfüllte nicht nur den Bildungs- und Ausbildungsanspruch seiner Zeit, sondern nahm sich  seiner Schülerinnen und Schüler weit über seine Lehramtsverpflichtungen hinaus an. Daneben war er ein geschätztes Mitglied kultureller Vereinigungen und widmete sich intensiv Aufgaben, die sich aus seiner Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinde ergaben. All das wurde ab dem Frühjahr 1933 von den meisten “Ariern” vergessen. Im Februar 1939 konnte der inzwischen 91jährige alte Herr, der sich jetzt Samson Israel Rothschild  nennen mußte, gerade noch rechtzeitig nach London zu einer seiner Töchter auswandern. Dort ist er wenige Wochen später gestorben.
Rothschild war durch die Herkunft aus einer orthodoxen jüdischen Familie geprägt, auch wenn er sich im Laufe seine Lebens mehr einem  konservativen Judentum zuwandte und daneben in die bürgerliche Gesellschaft des preußisch-deutschen Kaiserreiches von 1871 hinein wuchs. Die Lehrerin Herta Mansbacher, der wir uns hier widmen wollen, entstammte hingegen einer sehr viel stärker durch die deutsche bürgerliche Gesellschaft geprägten Familie. Jüdische Wurzeln spielten für ihre Erziehung und ihre intellektuelle Entwicklung nur eine geringe Rolle. Maßgebend war  für sie das bürgerlich-humanistische Bildungsideal. Ein Beleg dafür sind ihre oft verwendeten Goethe-Zitate, unter denen sie den Satz “Edel sei der Mensch, hilfreich und gut” (aus dem Gedicht “Das Göttliche”) zum  Lebensmotto  erhoben hatte. Es ist daher kein Zufall, dass sich ein im Wormser Raschi-Haus ausgestellter Zettel mit diesem Wort erhalten hat, von ihr eigenhändig in klarer großer Sütterlinschrift geschrieben.
Herta Mansbacher wurde am 7. Januar 1885 in Darmstadt geboren. Dort konnte sie, wie es ihr Biograph, der aus Worms stammende Historiker Prof.  Henry R. Hüttenbach  formuliert hat, in einem “materiell gesicherten und gefühlsmäßig ausgeglichenen” Familienleben aufwachsen. Dass sie sich in dieser weltoffenen Umgebung dennoch eher zurückhaltend entwickelte, lag einmal in ihrem Wesen, zum anderen aber offensichtlich in einem Körperschaden, einer Rückgratverkrümmung, begründet. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester, die hübscher war, sich gut verheiraten und ein großes Haus führen konnte, sah sie sich selbst nicht als, wie man damals sagte, “gute Partie” an. So entschied sie sich für eine selbständige berufliche Karriere. Sie wählte dafür den Lehrerinnenberuf.
Nach abgelegtem Examen fand sie 1906 eine erste Lehrerinnenstelle an der Worms-Hochheimer Volksschule. Bereits nach kurzer Zeit wechselte sie an die seinerzeit noch als Neubau geltende, 1904 fertiggestellte Westendschule. Hier unterrichtete sie in den ersten 4 Volksschulklassen, nach heutiger Bezeichnung in der Grundschule. Der 1906 geborenen  Erstklässerin Maria Thomas schrieb sie in ihr Poesie-Album: “Ist von Glück dir viel beschieden, / Nimm es froh und dankbar an. / Ist es wenig, sei zufrieden / Und begnüge dich daran. Zur Erinnerung an Herta  Mansbacher. Worms, den 21. März 1912”.  Von ehemaligen Schülerinnen wird sie als strenge, aber gerechte Lehrerin bezeichnet. Leistungsanforderung und Disziplin waren ein Richtschnur für den  Elementarschulunterricht jener Zeit. Sie schlossen jedoch persönliche Zuwendung nicht aus. Wie der zu Beginn erwähnte Lehrer Samson Rothschild hat sich auch Herta Mansbacher, oder wie man damals sagte “Fräulein  Mansbacher”, sowohl innerhalb wie außerhalb ihrer schulischen Verpflichtungen um das Wohl ihrer oft aus sozial schwachen Familien stammenden Schüler- und Schülerinnen gekümmert. In den wirtschaftlich schwierigen Jahren nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) soll sie mit Kindern, die ohne Frühstück in die Schule geschickt wurden, ihr eigenes Frühstück oder auch ihr Mittagessen geteilt haben. Darin wird eine Zuwendung deutlich, in der Henry Hüttenbach wohl zu Recht “einen Überschuß an Gefühl ... eine Mischung aus unerfüllten mütterlichen Regungen und sozialem Verantwortungsgefühl” gesehen hat. Wem die Teilnahme an Klassenfahrten in die Pfalz oder in den Odenwald aus finanziellen Gründen verwehrt schien, durfte auf die Hilfe der Lehrerin hoffen. Sie selbst liebte Wanderungen. Es gelang ihr, eine kleine Gruppe von Kolleginnen um sich zu scharen, die sie respektierten und die sich von ihr gerne in Vergangenheit und Gegenwart der näheren und weiteren Umgebung einführen ließen. Doch zeigen Fotos,  dass bei aller Heiterkeit und Ausgelassenheit der Gruppe Herta Mansbacher im Grunde ernst und etwas distanziert blieb. Es fehlte ihr nicht an Witz und Schlagfertigkeit, aber eben doch an einer gewissen Leichtigkeit, so dass ihre spontanen Stellungnahmen ihre Kolleginnen nicht immer erheiterten sondern bisweilen eher einschüchterten.
Dieser Kreis, an dem sie sehr hing, löste sich nach und nach infolge Eheschließungen oder Versetzungen auf. Für Herta Mansbacher bedeutete dies auf Dauer ein weiteres Zurückgehen in sich selbst, eine Isolierung. Das dürfte mit ein Grund gewesen sein für Verhaltensweisen, die im Gedächtnis ihrer Schülerinnen als Kuriosa erhalten blieben. Sie galt als etwas komische Figur, die bei Wind und Wetter mit ihrem Fahrrad in die Schule fuhr und dort mit strenger Miene und humorlos ihres Amtes waltete.  Ihre häusliche Liebe galt Katzen, die sich in großer Zahl bei ihr versammelten und mit denen sie sich unterhielt. Das brachte ihr den Spitznamen “Bussie” ein, weil sie so die Katzen rief. Dennoch wurde ihr der Respekt als Lehrerin nicht versagt.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, denen die Wormser demokratischen Kräfte und insgesamt die Bevölkerung nur wenig  Widerstand entgegenzusetzen hatten, blieb Herta Mansbacher zwar zunächst im Schuldienst in der Westendschule. Das Umfeld änderte sich allerdings schnell, da nicht wenige ihrer Kolleginnen und Kollegen sich der neuen  politischen Richtung zuwandten, sei es aus Überzeugung oder aus Opportunismus. Auch ihre Schülerinnen begannen, judenfeindliche Redensarten nachzusprechen. Ihre Isolierung nahm weiter zu. Den bisher ihr entgegengebrachten Respekt fühlte sie schwinden. An einem Unterrichtsmorgen Anfang 1935 klopfte es an die Klassentür. Frau Mansbacher ging hinaus, um zu sehen und zu hören was es gab – und kam nicht mehr zurück. Es war das abrupte Ende ihrer mehr als ein Vierteljahrhundert währenden Berufstätigkeit als Volksschullehrerin in Worms.
Bisher hatte sie als Ziel vor Augen gehabt, als Deutsche Kinder zu guten deutschen Bürgern des Reiches zu bilden und zu erziehen. Ihrer jüdischen Herkunft hatte sie keine Beachtung geschenkt. In der jüdischen Gemeinde hatte sie sich weder engagiert noch war sie dort besser bekannt als allgemein in der Stadt. Aber die völlig neue Rechts- und Lebenssituation, in der sie sich unerwartet fand, führte zu einer Neuorientierung. Zwar bot sie in einem sich bildenden jüdischen Kulturverein zunächst weiter Themen aus der deutschen Literatur und Geistesgeschichte  an. Aber sie vertiefte sich zugleich in jüdische Geschichte und jüdisches Leben und wurde so von der indifferenten deutschen Staatsbürgerin zu einer bewußten jüdischen Frau. Herta Mansbacher suchte und fand für sich eine neue Identität.
1935 richtete die jüdische Gemeinde aufgrund der entstandenen Notsituation eine jüdische Bezirksschule ein. Sie wurde im Gemeindehaus am Synagogenplatz 2 (damals Hinterer Judengasse 2) untergebracht und nahm jüdische Jungen und Mädchen auf, die nicht mehr in den allgemeinbildenden Schulen, aber auch nicht mehr an Wormser Oberschulen bleiben konnten  oder wollten, weil sie dort persönlichen Angriffen und Beleidigungen von Schülern und Lehrern ausgesetzt waren. Als Herta Mansbacher gefragt wurde, ob sie an der Bezirksschule mitarbeiten wolle, zumal sie eine der wenigen ausgebildeten Fachkräfte sein würde, sagte sie ohne Zögern zu. Erstmals hatte sie nun auch ältere Schüler und Schülerinnen zu unterrichten, was sie vor neue Aufgaben stellte. Doch ergaben sich bald innere Auseinandersetzungen um das Ziel der schulischen Bildung. Während der Schulleiter Dr. Rosenbusch eine eher traditionelle Linie vertrat und vor allem Wert auf gute Allgemeinbildung legte, setzte sich der junge und etwas ungestüme Gemeinderabbiner Rosenberg für eine eindeutig zionistisch geprägte Ausbildung ein. Da er davon ausging, dass jüdische Kinder in Deutschland keine Arbeits- und Lebenschance mehr hätten und über kurz oder lang auswandern und in einer anderen kulturellen Umgebung leben müßten, forderte er den Schwerpunkt der Schulbildung auf Fremdsprachen, Kenntnisse über Palästina und praktische Berufsausbildung zu legen. Als  Dr. Rosenbusch schließlich nach Wiesbaden wechselte, übernahm Herta Mansbacher 1936/37 kommissarisch die Schulleitung. Sie stand inzwischen Rabbiner Rosenbergs Auffassung näher und begann, sich für eine Förderung  der Auswanderung einzusetzen. Allerdings brachte das Jahr 1936 eine trügerische Beruhigung in der Unterdrückung der Juden. An den Olympischen Spielen in Berlin durfte in den Fechtwettbewerben aus Prestigegründen die  jüdische Spitzensportlerin Helene Mayer, Olympiasiegerin von 1928, teilnehmen und gewann die Silbermedaille.  Von vielen Juden wurde das als ein Hoffnungszeichen gedeutet. Herta Mansbacher ließ sich nicht  beirren. Sie versuchte vor allem den Eltern ihrer Schüler und Schülerinnen klar zu machen, dass die Auswanderung dringend geboten sei. Damit stand sie jedoch gegen den größten Teil der noch in Worms gebliebenen  jüdischen Gemeindemitglieder, die den Verlust ihrer kulturellen Identität ebenso befürchteten wie sie aus wirtschaftlichen oder persönlichen Gründen die Auswanderung scheuten. Dazu trugen auch patriotische Gefühle bei, da sich viele Juden nach wie vor als Deutsche betrachteten und auf Besserung der Verhältnisse hofften. Für Frau Mansbacher war es daher nicht leicht, ihrer abweichenden Sicht Gehör zu verschaffen. Sie ist an  dieser Aufgabe in vieler Hinsicht gewachsen. Ihre eigene Position war klar. Nach außen wirkte sich das sogar in ihrem Erscheinungsbild aus. Nach den Schilderungen von Schülerinnen radelte sie nicht mehr als  kreidebestäubtes, unfrisiertes und schlecht gekleidetes Unikum herum, sondern wurde zur selbstbewußten Persönlichkeit. Das läßt sich auch an erhaltenen Fotos ablesen.
Bereits kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte Frau Mansbacher begonnen, die Namen von Worms verlassenden Juden listenmäßig zu erfassen. So entstand eine Art Chronik der Auflösung der tausendjährigen Wormser jüdischen Gemeinde. Herta Mansbacher hat diesem Vorgang zwei Gedichtstrophen gewidmet, in denen sie das Weggehen aus  der vertrauten Stadt und die Hoffnung auf eine noch ungewisse bessere Zukunft in der Fremde aufgreift: “Unaufhaltsam fließt der Strom, / Der verläßt das deutsche Land, / Die Stadt mit ihrem schönen Dom, / Wo einst  seine Wiege stand. / Eine neue Heimat finden / Will er über´m Meere noch. /  Eine Existenz zu gründen, / Mög´ es ihm gelingen doch. H. M.”.  Die Schulhefte, in die sie ihre Eintragungen gemacht hat, haben sich erhalten und befinden sich heute in Israel in der jüdischen Gedenkstätte Jad Vaschem.
Als am Morgen  des 10. November 1938 überall in Deutschland die Synagogen brannten, besaß Herta Mansbacher den Mut, sich den  Nazibrandstiftern aus Worms und umliegenden Orten entgegenzustellen. Der erste Versuch einer Brandstiftung in der ältesten Synagoge Deutschlands mißlang. Herta Mansbacher bemühte sich um die Rettung der sakralen Gegenstände. Doch die Brandstifter kehrten zurück. Frau Mansbacher versuchte sich ihnen in den Weg zu stellen. Sie wurde auf die Seite geschleudert. Das über 900 Jahre alte Gotteshaus ging in Flammen auf. So  richtete Herta Mansbacher ihre Bemühungen auf die Wiederherstellung der Schule. Sie sammelte brauchbare Gegenstände, Bücher, Hefte, Bleistifte und dergleichen, um den Schulbetrieb möglichst bald wieder in Gang zu  bringen. Es gehörte erstaunlicher Mut dazu, in dieser aufgeladenen Stimmung mit einem Handwagen durch die Stadt zu laufen und Material in das Schulhaus am Synagogenplatz zu transportieren. Nach wenigen Wochen konnte  der Unterricht wieder aufgenommen werden. Für die Schulkinder wurde Herta Mansbacher zu einer Hoffnungsträgerin auf das eigene Überleben. Und unverdrossen suchte sie Eltern wie Schüler vom Sinn baldiger Auswanderung  zu überzeugen. Man wird sich fragen, warum sie diese erkannte Notwendigkeit nicht für sich selbst umgesetzt hat. Aber nach Kriegsbeginn 1939 waren in der auf einen kleinen Bruchteil der ursprünglichen Anzahl ihrer Mitglieder geschrumpften jüdischen Gemeinde noch immer 15 Kinder zu unterrichten. Ihnen wollte sie beistehen, für sie blieb sie in Worms.  So verpaßte sie die durchaus gegebene Gelegenheit der eigenen Auswanderung. Gemeinsam mit der Lehrerin Dr. Sonnenberger, mit der sie weitläufig verwandt war und bei der sie seit 1934 ein Zimmer in der Moltkeanlage 6 (heute Adenauerring) bewohnte, hielt sie solange Unterricht,  bis die Schule 1941 endgültig geschlossen wurde.
In den Folgemonaten mußte Herta Mansbacher zeitweilig bei einer Mainzer Schuhcréme-Fabrik Zwangsarbeit leisten. In jeder freien Minute  arbeitete sie an ihrer Auswandererliste, um so Zeugnis vom Ende der Wormser Gemeinde und dem Schicksal ihrer Mitglieder abzulegen. Von der bevorstehenden Deportation hat sie offenbar einen Hinweis erhalten. Denn sie rollte wenige Tage vorher eines ihrer Bilder, das einen Blumenstrauß am Fenster eines einfachen Zimmers zeigte, zusammen und schickte es ihrer ehemaligen Schülerin Doris Herzberg nach Heidelberg als Andenken. Am Donnerstag, dem 19. März 1942, versammelte sich auf dem Platz zwischen der ausgebrannten Synagoge und dem Gemeindehaus eine Gruppe von jüdischen Wormsern, die jetzt nur noch Juden aus Worms sein sollten. Unter ihnen war Herta Sara Mansbacher, wie sie sich inzwischen nennen mußte. Auch einige ihrer letzten Schüler gehörten dazu. Mit vorgeschriebenem Gepäck marschierten sie dann unter Polizeibegleitung zum Güterbahnhof zur Deportation. 1906 war Herta Mansbacher als freier Mensch und deutsche Staatsbürgerin nach Worms gekommen. 36 Jahre später wurde sie aus der Stadt vertrieben, in der sie gelebt, unterrichtet, ein wenig gezeichnet und gemalt, vor allem aber sich um ihre Schülerinnen und Schüler gekümmert hatte. Jene Wormser, die den traurigen Zug sahen, der da durch Gaustraße und Güterhallenstraße geführt wurde, mögen vielleicht erschrocken sein, Angstgefühle mögen sie beschlichen haben, wenige werden Mitleid verspürt haben. Jedenfalls ließen sie es geschehen und hielten sich aus Furcht um die eigene Sicherheit zurück. Im Grunde war es ein Verrat an Mitbürgern, ein Verrat an der Menschlichkeit.
In der Einwohnermeldekartei heißt es, Herta Sara Mansbacher sei ohne Angabe eines Reisezieles abgereist. Zumindest ein Teil des Deportationsweges ist bekannt. Die Reise in den Tod führte über Mainz nach Piaski nahe Lublin in Polen. Dann verliert sich die Spur ihres Lebens. Vermutlich kam sie in das Konzentrationslager Belzec und wurde dort ermordet.
Es ist schwer, sich die Zahl von 6 Millionen ermordeter europäischer Juden vorzustellen. Hingegen läßt die Beschäftigung mit einem  Einzelschicksal einen Menschen vor unsere Augen treten, der wie wir hier gelebt hat, dem aber Entsetzliches widerfahren ist. Dieses Schicksal ist nachvollziehbar. Als ich 1940 in die in der Westendschule untergebrachte damalige Mittelschule kam, deren Nachfolgerin die heutige Westendrealschule ist, waren seit dem Hinauswurf der Grundschullehrerin Herta Mansbacher kaum fünf Jahre vergangen. Ich habe weder damals noch viele Jahre danach etwas von einer Lehrerin namens Herta Mansbacher gehört. Und den meisten von Ihnen wird es ebenso ergangen sein. Dabei führt ihr Lebensweg exemplarisch vor Augen, was eine Frau an Energie, Liebe  und Mut aufbringen konnte und wie dennoch aus ihr eine Ausgestoßene geworden ist, deren endgültiger Tod das Vergessen bedeuten würde. Daher habe ich hier heute die Frage gestellt: “Wissen Sie eigentlich, wer Herta  Mansbacher war?” Schließlich wird ab und an über sie geredet. Und seit 1988 gibt es auch eine Herta-Mansbacher-Anlage vor der nördlichen Stadtmauer unweit des Raschi-Tores. Doch nicht nur ich habe mich bemüht, auf die gestellte Frage eine Antwort zu geben. Der Biograph Henry R. Hüttenbach und der Schüler Andreas Koob haben es zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Medien ebenfalls getan.
Aus der Erfahrung, was der Mensch dem Menschen antun kann, wächst vielleicht bessere Einsicht und die Bereitschaft, sich für Menschenwürde zu engagieren. Herta Mansbacher hat ein Beispiel gegeben. In der Synagoge wird ihr Name auf einer Bronzetafel genannt, deren Inschrift ihr Ideal und ihre persönliche Leistung zusammenfaßt: “Stärker als Löwen, um nur für das Gute zu kämpfen”. Das ist, bei aller Angst und Unmenschlichkeit in dieser Welt, ein hoffnungsvolles Zeichen.

Literaturhinweise:

  • Henry R. Hüttenbach, Herta Mansbacher. Porträt einer jüdischen Lehrerin, Heldin und Märtyrerin (1885-1942) (Der Wormsgau, Beiheft 27). Worms 1981;
  • Annelore und Karl Schlösser, Keiner blieb verschont. Die Judenverfolgung 1933-1945 in Worms (Der Wormsgau, Beiheft 31). Worms 1987, 1989. Die Grundlage dieses Buches bildet die umfangreiche Materialsammlung  (Dokumentation) der Autoren im Stadtarchiv Worms, Abt. 203: Judaica Sammlung;
  • Fritz Reuter, Warmaisa. 1000 Jahre Juden in Worms (Der Wormsgau, Beiheft 29). Worms 1984, erw. Auflage Frankfurt (Jüdischer Verlag) 1987;
  • Ders., Politisches und gesellschaftliches Engagement von Wormser Juden  im 19./20. Jahrhundert. Die Familien Eberstadt, Edinger, Rothschild und Guggenheim, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte  1999. Berlin und Bodenheim bei Mainz (Philo) 1999, S. 305-345.
  • Dieser Artikel war gedruckt in : Mit Anmerkungen gedruckt in: Sachor. Beiträge zur Jüdischen Geschichte und zur Gedenkstättenarbeit in Rheinland-Pfalz. 10. Jahrgang, Ausgabe  2/00, Heft 19, S.

2. Anne Marx (1913-2006)

Zu sehen ist ein Porträt von Anne Marx
Anne Marx (1913-2006)

... Träume geträumt auf Englisch
von Dr. Fritz Reuter

Geboren wurde sie 1913  als Anneliese Löwenstein in Bleicherode am Harz. Nach Worms kam sie 1925, besuchte die Eleonorenschule und legte dort 1932 das Abitur ab. Ihr Medizinstudium in Berlin und Heidelberg endete abrupt 1934, weil sie als Jüdin von der Universität ausgeschlossen wurde.
Die Beschäftigung mit der deutschen Dichtung hatte sie zu frühen lyrischen Versuchen angeregt. 1935 erschien  ein Gedichtband in deutscher Sprache, ehe sie ein Jahrs später nach den USA auswanderte. Das Englische wurde ihr zur neuen sprachlichen Heimat. Mehr als tausend Gedichte entstanden, zu finden in Lyrikbänden oder Anthologien.
Der Wormser Dr. Hermann Schlösser hat eine zweisprachiges Lyrikbändchen von ihr  herausgegeben: „Hurts to healings – Wunden und Narben“. Darin spiegelt sich die Vertreibung aus der deutschen Kultur und die Erfahrung in einer englischsprachigen Welt. „Das ist die Sprache die mich lachen lehrte / allmählich lehrte, den Erwachsenen zu trauen / all meine Träume sind geträumt auf Englisch ...“ Aber es gab ein Zurückfinden zu Rilke und Wagner, zur deutschen Sprache und zum Herkunftsland. Anteil daran hatte Annelore Schlösser, die regelmäßig mit ihr korrespondierte.
In einer „besonderen Lernleistung“ hat sich die Elo-Abiturientin Anna Centmayer mit ihr beschäftigt. Beide Frauen standen in engem Kontakt. Für ihre Arbeit verlieh die Gesellschaft Warmaisa 2005 Anna Centmayer den Warmaisa-Preis. Die Lyrikerin Anne Marx ist am 16. April 2006 in den USA gestorben.

3. Friedrich Gernsheim, Komponist, 1839 - 1916

Zu sehen ist ein Porträt von Friedrich Gernsheim
Friedrich Gernsheim

Friedrich Gernsheim, * 17. Juli 1839 in Worms, † 10./11. Sept. 1916 in Berlin. Er entstammte als Sohn eines Arztes einer angesehenen Wormser Familie, die den letzten Judenbischof der Stadt zu ihren Vorfahren zählte. Nach der ersten Unterweisung im Klavierspiel durch die Mutter, die selbst eine tüchtige Pianistin war, genoß der junge Gernsheim den Klavier- und Theorieunterricht des Spohrschülers Louis Liebe, der damals den Wormser Musikverein leitete, dann, als er mit seiner Mutter wegen der Unruhen des Revolutionsjahres 1848/49 in Mainz weilte, vorübergehend den Klavier-Unterricht Ernst Pauers, bis mit der Übersiedelung nach Frankfurt noch im Jahre 1849 ein geregelter und umfassender Musikunterricht einsetzen konnte (Klavier bei E. Rosenhain, Theorie bei J. Chr. Hauff, Violine bei E. Eliason und H. Wolff). Das Auftreten des 11jährigen als Pianist und Geiger in einem Frankfurter Theaterkonzert machte das Publikum auch mit einer frühen Orchester-Ouvertüre bekannt. 1850/51 führte ihn eine Kunstreise mit seiner Mutter über Karlsruhe in das Elsaß (sein Lehrer Liebe lebte seit 1850 in Straßburg) und brachte ihm reiche Erfolge als Pianist und Komponist. Es folgten zwei Lehrjahre am Leipziger Konservatorium, wo er sich vor allem von Moscheles (Klavier), Hauptmann (Theorie) und David (Violine) gefördert sah. Ein 5jähriger Aufenthalt in Paris seit 1855 gab Gernsheim Gelegenheit, seine Studien, vor allem bei Marmontel (Klavier), abzuschließen, und vermittelte ihm im Verkehr mit führenden Persönlichkeiten des dortigen Musiklebens wie Stockhausen, Lalo, Saint-Saëns, Rossini und Heller reichste künstlerische Anregungen. 1861 wurde er Zeuge des Pariser Tannenhäuserskandals. Nach Deutschland zurückgekehrt, konnte er 1861 in Saarbrücken die Leitung zweier Chöre und eines Instrumental-Vereins übernehmen, bis ihn 1865 F. Hiller als Lehrer für Klavier und Komposition an das Kölner Konservatorium berief. Daneben wirkte er als Leiter des Städtischen Gesangvereins und der Musik- Gesellschaft, zuletzt auch noch als Kapellmeister am neueröffneten Stadttheater. Zu seinen Kölner Schülern zählen u.a. Humperdinck und J. Buths. 1874 folgte Gernsheim einem Ruf nach Rotterdam als Direktor der Maatschappij tot bevordering van toonkunst. Hier setzte er sich vor allem für die Werke von Brahms ein, mit dem ihn seit 1868 eine enge Freundschaft verband, wie er auch Bruch besonders nahe stand. 1877 vermählte er sich mit Helene Hernsheim aus Karlsruhe. Nachdem Gerns- heim 1880 ein Angebot zur Leitung des Berliner Sternschen Gesangver. ausgeschlagen hatte, gab er 1890 einem erneuten Antrag nach und übernahm zugleich eine Lehrerstelle am Sternschen Konservatorium.. Neben der traditionellen Pflege der Klassik und Romantik förderte er in den Chorkonzerten die ihm seiner Musikgesinnung nach nahestehenden Zeitgenossen Brahms, Bruch, Humperdinck, Woyrsch, auch Verdi und Bossi. 1897 gab er seine Lehrtätigkeit am Konservatorium, 1904 die Leitung des Gesangvereins auf, nachdem man ihn in den Senat der Akademie der Künste berufen und ihm eine Meisterklasse für Komposition übertragen hatte. Neben seiner Berliner Amts- tätigkeit hat Gernsheim bis in seine letzten Jahre hinein mit bemerkenswerter Frische auswärts als Pianist konzertiert und mehrfach dirigiert., z.B. öfter seinen erkrankten Freund W. Berger an der Spitze der Meininger Hofkapelle vertreten. Eine besondere Ehrung wurde ihm zum 75. Geburtstag zuteil, als die Stadt Dortmund ein 2tägiges Gernsheimfest unter seiner Mitwirkung als Dirigent und Pianist veranstaltete. Nach seinem Tod am 10. oder 11. September 1916 in Berlin gerieten die Werke des zu seinen Lebzeiten äußerst angesehenen Künstlers jedoch bald in Vergessenheit. Im “Dritten Reich" wurde die Aufführung seiner Stücke verboten und seine Werke aus Musik-Bibliotheken entfernt sowie die 1928 erschienene Biographie von K. Holl eingestampft.Er schuf musikalisch zum Teil sehr interessante, von Brahms beeinflußte Kammermusik (Klavier-, Violin- und Violoncellosonaten sowie Lieder), Oratorien und Chorwerke (z.B. zur Einweihung des Festhauses in Worms 1889 einen Chorsatz “Am grünen deutschen Rheine liegt eine alte Stadt", aber auch sein “Salve Regina" für Sopran, Frauenchor und Orchester oder das große Chorwerk “Der Nornen Wiegenlied") und große Orchesterwerke (wie seine 3. Symphonie mit den Titel “Mirjam", in der er den biblischen Auszug durch das Rote Meer schildert)."Durch die Plastik und Klarheit seiner Tonschöpfungen und die ihnen inne wohnende Poesie und Frische erscheint Gernsheim unter den Componisten der Gegenwart besonders befähigt, ... im edelsten Sinne des Wortes zu  Popularität und Anerkennung seiner Werke zu gelangen", heißt es noch im “Musikalischen Conversations-Lexikon" (Berlin 1874, S. 206). Gernsheim hat es der Nachwelt andererseits leicht gemacht, auch ihn, entsprechend seiner letzten Lebensstellung an der Berliner Akademie, als Komponist von typisch spätromantisch-konservativer Haltung mit allen Zügen eines formsicheren, aber kraftlos epigonalen Schaffens abzustempeln. Leider ergibt sich im Musikleben unserer Zeit kaum noch Gelegenheit, ein solches Urteil auf seine Stichhaltigkeit hin zu überprüfen. Wenn man ihn aber schon dem Kreis der Berliner Akademiker zuordnen will, so kann man nicht an der Tatsache vorbeigehen, daß er in der Beweglichkeit seiner Rhythmik, vor allem aber als Harmoniker mit vielen seiner Werke innerhalb seiner künstlerischen Umgebung auf vorgeschobenem Posten steht. Das strenge Maß Brahmsscher Harmonik war für ihn nur Durchgang zu Ausdrucksmitteln auch im instrumentalen Kolorit, die etwa in der Tondichtung Zu einem Drama nicht ganz unberührt von R. Strauß und Reger scheinen. Unbestritten ist seine technische Meisterschaft und überlegene Formbeherrschung, nicht zuletzt das Ergebnis vielseitiger Erfahrungen in den Leipziger und Pariser Lehrjahren. So trifft sein Biograph Holl (S. 100) wohl das Richtige, wenn er Gernsheim einen »großbürgerlichen 'Meistersinger'« nennt, »der mit seinem Pfund verantwortungsvoll gewuchert hat«. In der Vielseitigkeit seines Schaffens fehlen lediglich die Oper (nur in Paris beschäftigte ihn einmal ein Demetriusplan für die Bühne) und das abendfül- lende Chorwerk. Wagner ist er nach dem Erlebnis des Pariser Tannhäuserskandals, der wenigstens seine menschliche Teilnahme geweckt zu haben scheint, immer scheu ausgewichen, wie er auch von Liszt als Komponist bewußt Abstand hielt. Wenn er zu seiner 3. Sinfonie ein Programm entwickelte (Mirjam), so blieb er damit immer noch auf dem Boden jener zwischen absoluter Sinfonik und sinfonischer Dichtung sich bewegenden mehrsätzigen Programmsinfonie, bei der Rheinberger das Publikum vor allem vor einer »poetischen Hörigkeit« bewahrt wissen wollte (Th. Kroyer, J. Rhein- berger, 1916, 119).Mit der Tondichtung Zu einem Drama freilich gelangt Gernsheim zur einsätzigen Form der sinfonischen Dichtung, jedoch ohne deren programmmusikalische Ansprüche. Im übrigen haben die vorangehenden vier absoluten Sinfonien nicht halten können, was der hoffnungsvolle Anfang der ersten (sie liegt vor Brahms' Auftreten als Sinfoniker) erwarten ließ. Mit fast einem Viertel des Anteils behauptet die Kammermusik eine zentrale Stellung in Gernsheims Schaffen, aber nicht nur zahlenmäßig. Hier gibt es Höhepunkte wie im langsamen Satz des 5. Streichquartetts oder dem des Streichquintetts op. 89, vor allem auch in den Kammermusik- Werken mit Klavier, deren man sich wie so mancher anderer vergessener Erscheinungen im näheren und weiteren Umkreis der Brahmsschen Kammermusik vielleicht doch noch gelegentlich im Konzertsaal und im Rahmen der Hausmusik erinnern sollte. Auch was Gernsheim als Pianist, Dirigent und Lehrer leistete, stand im Zeichen reifer Meisterschaft. Freilich hat seine Leitung des Sternschen Gesangvereins in einer Hinsicht eine strenge Beurteilung gefunden, insofern er sich neben der Pflege wertvoller zeitgenössischer Musik dem Angebot minderwertiger Werke gegenüber allzu nachgiebig gezeigt zu haben scheint, wenn man S. Ochs (Gesehenes, Geschehenes, 1922, 138f.) Glauben schenken darf.

Werke:

  1. Son. f. Pfte. f op. 1, Lpz. u. Winterthur 1861, Rieter-Biedermann;
  2. Präludien f. Pfte. op. 2, ebda. zwischen 1861 u. 1865;
  3. 6 Lieder f. eine Singst. m. Begl. des Pfte. op. 3, Lpz. zwischen 1861 u. 1865, B & H;
  4. Son. f. Pfte. u. V. c op. 4, Lpz. u. Winterthur 1865, Rieter-Biedermann;
  5. Quartett f. Pfte., V., Va. u. Vc. Es op. 6, Lpz. 1865, B & H;
  6. Wächterlied aus der Neujahrsnacht 1200f. MCh. u. Orch. op. 7, Lpz. zwischen 1861 u. 1865, B & H;
  7. Suite f.d. Pfte. d op. 8, Mainz zwischen 1860 u. 1867, Schott;
  8. Quintett f. 2 V., 2 Va. u. Vc. D op. 9, Bremen u. Hbg. 1868;
  9. Salamis, Siegesgsg. der Griechen (H. Lingg) f. MCh. u. Orch. op. 10, Lpz. u. Winterthur zwischen 1886 u. 1891;
  10. Salve Regina f. Sopr.-Solo, FrCh., Orch. u. Org. op. 11, Umarbeitung eines Jugendwerkes v. 1859, Bremen u. Hbg., Cranz;
  11. Son. f. Pfte. u. Vc. d op. 12, auch f. Pfte. u. V., Mainz 1868, Schott;
  12. Waldmeisters Brautfahrt, Ouv. f. großes Orch. E op. 13, Bremen u. Hbg. 1873, Cranz;
  13. 6 Lieder f. 1 Singst. m. Begl. des Pfte. op. 14, ebda. 1875;
  14. Romanze f. das Pfte., Mainz zwischen 1868 u. 1873, Schott;
  15. Konz. f. das Pfte. m. Begl. des Orch. oder eines 2. Pfte. c op. 16, Bln. 1869, Ries u. Erler;
  16. Röm. Leichenfeier (H. Lingg) f. MCh. u. Orch. op. 17, Lpz. zwischen 1868 u. 1873, Seitz, seit 1879 Bln., Ries & Erler;
  17. Variationen f. das Pfte. Es op. 18, Mainz zwischen 1868 u. 1873, Schott;
  18. 5 Lieder f. eine Singst. m. Begl. des Pfte., ebda. zwischen 1868 u. 1873;
  19. Quartett f. Pfte., V., Va. u. Vc. c op. 20, Bln. 1870, Simrock;
  20. Nordische Sommer nacht (H. Lingg) f. gemCh., Soli u. Orch. op. 21, Mainz zwischen 1868 u. 1873, Schott;
  21. Var. f. Pfte. c op. 22, ebda. zwischen 1868 u. 1873;
  22. Romanze f. das Pfte. E op. 23, ebda. zwischen 1868 u. 1873;
  23. Germania, ein deutscher Siegesgsg. (E. Rittershaus) f. MCh. u. Orch. op. 24, ebda. zwischen 1868 u. 1873;
  24. Quartett f. 2 V., Va. u. Vc. c op. 25, Bln. 1872, Simrock;
  25. Ins Stammbuch, 7 Kl.-Stücke op. 26, Offenbach zwischen 1868 u. 1873, André;
  26. Fantasie f. Pfte. op. 27, Mainz zwischen 1868 u. 1873, Schott;
  27. Trio f. Pfte., V. u. Vc. F op. 28, ebda. 1873;
  28. 6 Lieder f. eine tiefe St. m. Begl. des Pfte. op. 29, ebda. 1874;
  29. Tanzstücke f. Pfte. zu 4 Hdn. op. 30, H. 1. 2, ebda. zwischen 1868 u. 1873;
  30. Quartett f. 2 V., Va. u. Vc. a op. 31, Bln. u. Lpz. 1875, Luckhardt, später Bln., Simrock;
  31. Symph. f. großes Orch. g op. 32, Bln. 1875, Simrock;
  32. Fantasiestück f. V. m. Begl. des Orch. op. 33, ebda. 1876, auch f. V. m. Pfte.;
  33. 4 Lieder u. Gsge. f. 1 Singst. m. Begl. des Pfte. op. 34, Bln. 1877, Raabe & Plothow;
  34. Quintett f. Pfte., 2 V., Br. u. Vc. d op. 35, Bln. 1877, Simrock;
  35. Stimmungsbilder, 4 Kl.-Stücke op. 36, Bln. 1877, Raabe & Plothow;
  36. Trio f. Pfte., V. u. Vc. H op. 37, Lpz. 1879, Rieter-Biedermann;
  37. Introduction u. Allegro appassionato f. Pfte. u. V. op. 38, Bln. 1879, Bote & Bock;
  38. 2 Kl.-Stücke op. 39, ebda. 1879;
  39. Gsge. f. 4st. MCh. op. 40, Lpz. 1879, Rieter-Biedermann;
  40. 2 Lieder f. 4st. MCh. op. 41 in Slg. ausgew. Ori1880 u. 1885, Coppenrath;
  41. Konz. f. V. m. Begl. des Orch. D op. 42, Lpz. 1880, Rieter- Biedermann;
  42. Lied der Städte (H. Lingg) f. MCh. op. 43, ebda. 1880;
  43. Legende f. Pfte. op. 44, ebda. 1883;
  44. Agrippina, Szene f. A. oder Mezzosopr., Ch. u. Orch. (H. Lingg) op. 45, Bln. 1881, Bote & Bock;
  45. Symph. f. großes Orch. Es op. 46, Lpz. 1882, Rieter-Biedermann;
  46. Quartett f. Pfte., V., Va. u. Vc. F op. 47. ebda. 1883;
  47. Odins Meeresritt (Schreiber) f. Bar.- Solo, MCh. u. Orch. op. 48, Bln. 1884, Ries & Erler;
  48. Festgruß (J. Oswald) f. 4st. MCh. op. 49, Bonn 1884, Cohen;
  49. Son. f. Pfte. u. V. C op. 50, Lpz. 1885, Rieter-Biedermann;
  50. Quartett f. 2 V., Va. u. Vc. F op. 51, ebda. 1886;
  51. Das Grab im Busento (A. v. Platen) f. MCh. u. Orch. op. 52, Bln. 1887, Luckhardt;
  52. Divertimento f. Fl., 2 V., Va., Vc. u. Kb. (oder Fl. u. Streich- Orch.) op. 53, ebda. 1888;
  53. Symph. f. gr. Orch. c op. 54, Lpz. 1888, Rieter-Biedermann;
  54. Der Zaubermantel (F. Dahn) f. Soli, gemCh. u. Pfte. op. 55, Bln. 1889, Ries & Erler;
  55. Hafis, Liederreihe f. Solost. u. gemCh. m. Begl. des Pfte. op. 56, ebda. 1890;
  56. 5 Lieder f. eine Singst. op. 57, ebda. 1891;
  57. Ein Preislied (Hl. Schrift) f. gemCh., Solost. u. Orch. op. 58, ebda. 1893;
  58. Symbole, 5 Kl.-Stücke op. 59, H. 1. 2, Lpz. 1894, Rieter-Biedermann;
  59. Phöbos Apollon (H. Allmers) f. MCh., Solost. u. Orch. op. 60, ebda. 1894;
  60. 4 Kl.-Stücke, op. 61, Bln. 1895, Simrock;
  61. Symph. f. großes Orch. B op. 62, ebda. 1896;
  62. Quintett f. Pfte., 2 V., Va. u. Vc. h op. 63, ebda. 1897;
  63. Son. f. Pfte. u. V. F op. 64, Lpz. 1898, Rieter-Biedermann;
  64. Der Nornen Wiegenlied (A. Matthäi) f. Ch. u. Orch. op. 65, Bln. 1899, Bote & Bock;
  65. Quartett f. 2 V., Va. u. Vc. e op. 66, ebda. 1900;
  66. 5 Tongedichte f. Pfte. zu 4 Hdn. op. 67, H. 1. 2, Lpz. 1901, Rieter- Biedermann;
  67. Auf der Piazetta f. Pfte. zu 2 Hdn. op. 68, Übtr. aus op. 67, H. 1, ebda. 1901;
  68. Weihe der Nacht f. Pfte. zu 2 Hdn. op. 69, Übtr. aus op. 67, H. 2, ebda. 1901;
  69. Walzer f. Pfte. zu 2 Hdn. op. 70, Übtr. aus op. 67, H. 2, ebda. 1901;
  70. Auf der Lagune, Phantasiestück f. Pfte. op. 71, ebda. 1902;
  71. Tondichtung f. Pfte. op. 72, ebda. 1902;
  72. Der Nibelungen Überfahrt (A. Matthäi) f. Soli (Sopr. u. Bar.), gemCh. u. Orch. op. 73, ebda. 1902;
  73. 5 Gedichte (O. J. Bierbaum) f. eine Singst. m. Pfte. op. 74, Bln. 1903, Vieweg;
  74. Fantasie u. Fuge f. Org. op. 76, Lpz. zwischen 1904 u. 1908, Leuckart, als op. 76 b auch f. Pfte.;
  75. Agrippina (H. Lingg), Szene f. Mezzosopr. (oder A.) u. Orch. op. 77, m. freier Benutzung der ersten Bearb. op. 45, Bln. zwischen 1904 u. 1908, Bote & Bock;
  76. Konz. f. Vc. m. Orch. oder Pfte. e op. 78, Lpz. 1907, Forberg;
  77. Ave Maria f. 3st. FrCh. m. Org. oder Pfte. op. 80, Ausg. m. Org. op. 80 a, m. Pfte. op. 80 b, Hameln zwischen 1914 u. 1918, Oppenheimer;
  78. Fantasie f. Pfte. f op. 81, Lpz. zwischen 1909 u. 1913, Forberg;
  79. Zu einem Drama, Tondichtung f. großes Orch., op. 82, Bln. 1910, Simrock;
  80. Quartett f. 2 V., Va. u. Vc. A op. 83, ebda. 1911;
  81. 2 geistl. Gsge. f. 8st. Ch. op. 84, ebda. zwischen 1909 u. 1913;
  82. Son. f. Pfte. u. V. G op. 85, ebda. 1912;
  83. Konz. f. V. m. Orch. (oder Kl.-Begl.) F op. 86, Lpz. 1914, Zimmermann;
  84. Son. f. Pfte. u. Vc. e op. 87, Ms.;
  85. Liebesgedichte (R. Huch) f. 1 Singst. m. Pfte. op. 88, Ms.;
  86. Quintett f. 2 V., Br. u. 2 Vc. Es op. 89, Ms.;
  87. Te Deum (Hl. Schrift) f. gemCh., Orch. u. Org. op. 90, Hameln zwischen 1914 u. 1918, Oppenheimer;
  88. In Memoriam, ein Klagegesang f. Streichorch. u. Org., op. 91, ebda. zwischen 1914 u. 1918;
  89. Nänie (Fr. Schiller) f. gemCh. u. Orch. op. 92. Ms., Kl.-Ausz., nach den Part.-Skizzen instr. v. C. Heyland.

Ohne Opuszahlen: u.a.

  • Kriegslied (E. Geibel) f. Solost. u. Kl., auch f. MCh., 1870, u.f. MCh. u. Orch., 1914, Bln., Ries & Erler;Elohenu, hebräischer Gesang f. Vc. m. Begl. v. kl. Orch. oder Pfte., Lpz. 1882, Rieter-Biedermann;De hoogste Vrede f. mittl. Singst. u. Pfte., Rotterdam, Alsbach;
  • Am grünen deutschen Rheine liegt eine alte Stadt (H. Herrig) f. 4st. gemCh. u. Org., 1889, Ms.;
  • Andantino f. V. u. Kl., 1893, Ms.;
  • Präludium u. Fuge, g, 1904, Ms.;
  • Choralvorspiel f. Org. in H. Krattner, Präludienbuch zu den Chorälen der christl. Kirche, Kaiserslautern 1907, Crusius;
  • Die Sternlein. (E. M. Arndt) f. 4st. FrCh. oder Kinderchor in Das Deutsche Volksldb.;
  • Der Liebesbote f. 4st. FrCh. oder Kinderchor, ebda.;
  • Verwehte Blätter, 5 Kl.- rungsgsg. (Fr. Engel) f. 4st. MCh. m. Org. ad lib., 1916, Ms.;
  • Jugendwerke, Ms.: 4 Ouv. f. großes Orch., Kindersinf. f. Pfte., Streich- u. Kinderinstr., Symph. Es f. großes Orch., Son. f. Kl. u. V., 3 Kl.-Son. u.a.m.
  • Schriften: G. Verdi: Messa da Requiem, erl., Ffm., Stg. 1896, Schmitt (Der Musikführer, 55/56);
  • Die beliebtesten Chorwerke, erl. v. B. Scholz, C. Beyer, Fr. Gernsheim (u.a.), Stg. 1896, Pochhammer;
  • Einführung in das Hohe Lied (Canticum Canticorum) v. M. E. Bossi, Lpz. 1900, Rieter-Biedermann.
  •  

 Literatur:

  1. B. Vogel, Fr. Gernsheim in Die Sängerhalle XXX, 1890, Nr. 47/48;
  2. W. Altmann, Fr. Gernsheim in Mk VIII, 1909, 98-104;
  3. J. Brahms im Briefwechsel m.H. Levi, Fr. Gernsheim sowie den Familien Hecht u. Fellinger, hrsg. v. L. Schmidt, Bln. 1910, Verl. der Deutschen Brahms-Ges. (Brahms, Briefwechsel VII) 205-212;
  4. C. Fuchs, Zu einem Drama, Tondichtung v. Fr. Gernsheim in NZM 79, 1912, 283-286;
  5. O. Leßmann, Fr. Gernsheim in AmZ 43, 1916, 506-508;
  6. K. Holl, Fr. Gernsheim. Leben, Erscheinung u. Werk, Lpz. 1928, B & H;
  7. W. Altmann, Hdb. f. StrQu.-Spieler, Bln. 1928-31, II, 37-40, III, 155-156, IV, 166-167;
  8. ders., Art.  Fr. Gernsheim in Cobbetts Cyclopedic Survey on chamber music I, Oxford 1929, Univ. Press, 457-458;
  9. P. Egert, Persönlichkeit u. MCh.-Werke Fr. Gernsheims in Deutsche Sängerbundesztg. XXIII, 1931, 832-834.

Willi Kahl, ergänzt durch E. Füllenbach, zitiert aus: Die Musik in Geschichte und Gegenwart: Gernsheim, Friedrich, S. 12. Digitale Bibliothek Band 60: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, S. 27164 (vgl. MGG Bd. 04, S. 1824) (c) Bärenreiter-Verlag 1986]

SVeit

4. Hugo Sinzheimer, Jurist und Schöpfer des Arbeitsrechts, 1875 - 1945

Zu sehen ist ein Porträt von Dr. Hugo Sinzheimer
Prof. Dr. Hugo Sinzheimer, 1875 - 1945

von Dr. Thomas Wirth

Viele Wissenschaftler der Weimarer Republik wurden vom Nationalsozialismus der Früchte ihrer Arbeit beraubt. Jüdische zumal. Darunter waren die, deren Werke – wie die vieler Künstler auch – unwiederbringlich zerstört wurden. Aber es gab auch Arbeiten, die für den Aufbau der nationalsozialistischen Ideologie ausgenutzt werden konnten. Hier fand die Zerstörung im urheberrechtlichen Bereich statt, indem sich nationalsozialistische Wissenschaftler Leistungen von den Kollegen aneigneten, bei denen mit einer Gegenwehr nicht zu rechnen war. Unter den bedeutenden Rechtswissenschaftlern seiner Zeit gehört zu den dermaßen Betroffenen Hugo Sinzheimer. Die Nazis haben sein Werk für ihre Zwecke missbraucht. Aber auch nach 1945 sind die Verdienste Sinzheimers auf politischem und insbesondere auf wissenschaftlichem Gebiet weitgehend unberücksichtigt geblieben.
Hugo Sinzheimer war Anwalt und Soziologe, Forscher und Abgeordneter, Jurist und Marxist, Politiker und Humanist. Er war in der Lage, all dies so glücklich miteinander zu verbinden, dass er eine rechts-, sozial- und staatspolitische Leistung ungeheuren Ausmaßes schaffen konnte: den Gedanken des kollektiven Arbeitsrechts! Der Ausarbeitung dieser Idee und deren Verwirklichung im praktischen Leben widmete Sinzheimer sein Leben. Er wurde zum Schöpfer des deutschen Arbeitsrechts, und seine Gedanken sind zweifelsohne die Grundlagen der auch heute geltenden rechtlichen Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber.

 

Zu sehen ist die Gedenktafel am Geburtshaus in Worms, Wilhelm-Leuschnerstr. 26
Gedenktafel am Geburtshaus in Worms, Wilhelm-Leuschnerstr. 26

Der Jurist und Wissenschaftler
Am 12.04.1875 wurde Hugo Sinzheimer als Sohn des Kleiderfabrikanten Leopold Sinzheimer in Worms geboren. Den alten Wormser Einwohnerverzeichnissen ist zu entnehmen, dass die Familie Sinzheimer das Haus Nr. 3 in der Kaiser-Wilhelm-Straße bewohnte. Das Abitur legte Sinzheimer im Frühjahr 1894 am Wormser Gymnasium ab, und obwohl er damals als Studienwunsch Medizin angab, begann er doch als Praktikant in einem kaufmännischen Beruf zu arbeiten. 1895 nahm er das Studium der Rechtswissenschaft und der Nationalökonomie an der Universität München auf und beendete es, nach Aufenthalten an den Hochschulen von Berlin, Freiburg, Marburg und Halle, mit der Promotion im Jahre 1902 an der Universität Heidelberg.
1903 ließ Sinzheim sich als Rechtsanwalt in Frankfurt nieder. Mit souveränem juristischen Können und mit großen organisatorischen Fähigkeiten schuf er sich als Strafverteidiger bald  eine hoch angesehene Stellung.
Das Hauptgewicht seines Interesses lag allerdings auf dem Gebiet des Arbeitsrechts, das als solches zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kaum existierte. Die Idee, das Arbeitsverhältnis, also die Beziehungen zwischen Arbeitern und Unternehmern, gesetzlich zu regeln und dabei einklagbare Rechte den Arbeitnehmern zuzugestehen, war noch neu und überaus revolutionär. Wie kein anderer stellte nun Hugo Sinzheimer in seiner Analyse des Arbeitsverhältnisses das Besondere des Arbeitsvertrages heraus und brachte dies dem juristischen und sozialen Gewissen näher: als wesentlichen Unterschied zwischen Arbeitsvertrag und allen anderen Schuldverhältnissen arbeitete er heraus, dass der Arbeitnehmer nicht bloß ein Ergebnis, ein Stück Vermögen oder ein Werk seiner Hände, sondern seine ganze Person schuldet. Logische Folge aus dieser Schuld der Arbeiter, sich während der Arbeitszeit der Verfügungsgewalt der Unternehmer zu unterwerfen, war für Sinzheimer die unbedingte Verpflichtung zur Humanisierung des Arbeitsverhältnisses, die Gesetzgeber, Richter, Verwaltung und Arbeitgeber einzulösen hätten. Mit der Begründung dieser Forderung und mit der Offenlegung der Wechselbeziehungen zwischen Eigentumsrecht und Arbeitsrecht hat er wesentlich dazu beigetragen, die theoretische Grundlage für das zu schaffen, was heute als „Mitbestimmungsrecht“ gesetzlich anerkannt ist.
1919 wurde Sinzheimer als Honorarprofessor an die Universität Frankfurt berufen, wo er die ersten arbeitsrechtlichen Vorlesungen für Deutschland hielt. 1921 erstellte unter seiner Leitung eine Sachverständigenkommission, beauftragt vom Reichsarbeitsministerium, den Entwurf für ein Arbeitstarifgesetz. Das heute noch in Deutschland geltende Tarifvertragsgesetz und das Tarifrecht vieler anderer Länder beruhen weitgehend auf Ideen, die Hugo Sinzheimer als erster juristisch erfasst und formuliert hat. Dabei war die Leitfrage bei dieser Arbeit „wie“ der kollektive Zusammenschluss der Arbeiter vom Recht ausgestaltet sein muss, um die Gefahr eines Ungleichgewichts zu bannen, um ein Höchstmaß an Gleichgewicht und damit an sozialem Frieden und gesellschaftspolitischer  Konstanz zu gewährleisten. So wurde von Sinzheimer der Grundsatz der Unabhängigkeit der Gewerkschaft entwickelt. Die Arbeitnehmerorganisationen  sollten überbetrieblich und vor allem gegnerfrei sein, um ein Gegengewicht gegen das Kapital darstellen zu können. Weiterhin sollten die Gewerkschaften zur Erreichung ihrer Ziele auch bereit sein, den Arbeitskampf aufzunehmen. Dass diese drei Wesensmerkmale unabdingbare Voraussetzung für die Vertretung von Arbeitnehmerinteressen sind, zeigt sich in den alljährlichen Tarifauseinandersetzungen.
Hugo Sinzheimer bewirkte durch seine Arbeit eine Veränderung im Rechts- und Staatsbe-wusstsein der arbeitenden Klasse: er baute die Arbeiterbewegung in den Staat ein und öffnete ihr mit dem Weg über das Recht den Zugang zu diesem. Er beseitigte durch die Entdeckung und Entwicklung eines autonomen Arbeitsrechts die Barriere, die bisher die Arbeiter von dem Recht, das ihre Arbeit regeln sollte, getrennt hatte. Der Arbeiter brauchte sich nicht mehr wie früher allein als der durch das Recht Geknechtete zu fühlen, sondern er konnte mit berechtigten Hoffnungen von diesem auch Hilfe erwarten. Diese Entwicklung war nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs die Voraussetzung, um das Werden eines neuen, von allen Gesellschaftsschichten getragenen Staates zu ermöglichen.
1933 emigrierte Sinzheimer nach Holland, wo ihm Freunde an der Universität Amsterdam einen Lehrstuhl für Rechtssoziologie verschafft hatten. 1936 wurde er zusätzlich Ordinarius an der renommierten Universität von Leyden. In den sieben Jahren ungestörter Schaffenszeit, die ihm in den Niederlanden bis zum Einmarsch der Armeen Hitlers noch verblieben, entstanden einige bedeutende rechtssoziologische Werke, so z. B. „Eine Theorie des sozialen Rechts“ und „Theorie der Gesetzgebung“. Daneben hat er sich wissenschaftlich mit dem Antisemitismus, dessen Opfer er selber war, auseinandergesetzt und in seinem Werk „Jüdische Klassiker der Deutschen Rechtwissenschaft“ einige der bedeutendsten deutschen Juristen gewürdigt.

Die Umsetzung der Wissenschaft in der Politik
Hugo Sinzheimer wollte nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft eingesperrt bleiben, sondern bemühte sich stets mit allen Kräften, seinen Gedanken und theoretischen Entwicklungen auch in der Praxis zum Durchbruch zu verhelfen.
Nach Ende seines Studiums war er in die SPD eingetreten und hatte als Rechtsanwalt viele Gewerkschaftler in politischen Strafprozessen verteidigt. Oft vertrat er die Gewerkschaften vor den Landesgerichten und dem Reichsarbeitsgericht. Er war in der Volksbildungsbewegung stark engagiert und beteiligte sich an den Arbeiten des „Frankfurter Ausschusses für Volksvorlesungen“. Von 1917 bis 1933 war der Arbeitsrechtler Stadtverordneter in Frankfurt, und während der Revolution 1918 wurde er in das Amt des Polizeipräsidenten von Frankfurt berufen. Im Januar 1919 zog Hugo Sinzheimer als Abgeordneter der SPD in die Verfassung-gebende Nationalversammlung zu Weimar ein. Sein größtes Anliegen war ihm hier, die Humanisierung von Arbeit, Staat und Gesellschaft verfassungsrechtlich zu verankern. Als Revisionist hatte er den Bruch mit dem bolschewistischen Zweig des Sozialismus vollzogen und trat für Demokratie, Rechtsstaat und Pluralismus ein. Er hatte die Notwendigkeit erkannt, die ohnehin nicht allzu starken revolutionären Kräfte nach dem 1. Weltkrieg kanalisieren zu müssen, um ihnen wenigstens eine gewisse Effektivität zu sichern. Deshalb trat er in Arbeiter- und Parteiversammlungen für eine Überleitung der Arbeiter- und Soldatenräte in die Ordnung der Weimarer Reichsverfassung ein. Die Arbeiterklasse wusste, dass sie mit Sinzheimer einen wahren Interessenvertreter in der Nationalversammlung hatte. Als Mitglied des Ausschusses, der die erste demokratische Verfassung Deutschlands zu entwickeln und zu beraten hatte, erreicht Hugo Sinzheimer, neben der Verankerung eines Anrechts auf Arbeit, die Einrichtung eines geläuterten, wirtschaftlichen Rätesystems, das in Artikel 165 WRV seine verfassungsrechtliche Gestalt erhielt. Es war dies die einzige Stelle, an der in der neuen Republik das Rätesystem institutionalisiert wurde. Dieses Rätesystem sollte im Gegensatz zu einer Rätediktatur die Demokratie nicht ausschalten, sondern es sollte sie ergänzen. Gesetzgeberische Funktionen sollte dabei der in Art. 165 WRV vorgesehene Reichswirtschaftsrat nicht erhalten, wohl aber ein Gesetzesinitiativ- und Anhörungsrecht. Neben der Staatsverfassung sollte nach Sinzheimer eine Wirtschaftsverfassung, getragen von den autonomen gesellschaftlichen Kräften, stehen, dem Staat zwar untergeordnet, aber nicht als Staatseinrichtung, sondern, wie andere Selbstverwaltungskörper, mit eigener Autorität ausgestattet.
Dass diese Wirtschaftsverfassung bis auf die Betriebsarbeiterräte ein Projekt blieb, ist in erster Linie dem Widerstand der privaten Wirtschaft zuzuschreiben, dessen Kraft Sinzheimer 1919 gewaltig unterschätzt hatte.
In der Zeit der Weimarer Republik hat Hugo Sinzheimer unermüdlich für die Durchsetzung seiner Ideen gekämpft und aktiv an der Gestaltung dieses wichtigen Kapitels der Rechtsgeschichte mitgewirkt. In meisterhaften Reden vor der Nationalversammlung und vor deren Verfassungsausschuss hat er den weiteren Weg der Entwicklung des Arbeitsrechts vorgezeichnet: Der Arbeitsrechtliche Kündigungsschutz, die Betriebsvertretungen mit ihren sozialpolitischen Funktionen und der Genossenschaftsverband als alternative Form der Betriebsorganisation haben hier ihre Wurzeln.
Daneben hat Sinzheimer als Mitherausgeber und Chronist der Zeitschrift „Die Justiz“, an der auch die großen Freirechtler Ernst Fuchs und Hermann Kantorowicz und der spätere Justizminister Gustav Radbruch mitarbeiteten, von 1925 bis 1933 eine einmalige „Fieberkurve“ der politischen Justiz der Weimarer Republik aufgestellt. Hier ging man intensiv auf die Bedeutung von Rechtsprechungstendenzen für das Staatsgefüge der Weimarer Staatsgewalt ein und konnte deshalb manch unheilvolle Entwicklung schon frühzeitig erkennen. Vielfach wurde auf die Fehler und Unterlassungssünden der Justizpolitik aufmerksam gemacht, die auf die nachfolgende Periode ja nicht ohne Einfluss geblieben sind. Die Untergrabung des Rechtsbewusstseins, die die „legale“ Machtergreifung des Nationalsozialisten erst ermöglicht hat, konnte jedoch nicht mehr aufgehalten werden.
Wie kaum ein anderer hat Hugo Sinzheimer durch seine Lehre und durch sein Wirken die Verbindung zwischen Rechtserkenntnis und Rechtspolitik hergestellt. Es sah eine Verpflichtung für jeden Wissenschaftler, gerade weil er Wissenschaftler ist, politische Verantwortung zu tragen, und betrachtete die Flucht der meisten Gelehrten in ein politikfreies Vakuum als verantwortungslose Kapitulation vor der Geschichte.

Die Gewaltherrschaft der Nazis in der Rechtswissenschaft
Nach der Besetzung Hollands durch die deutschen Truppen war Sinzheimer gezwungen, sich, gleich der Anne Frank, über Jahre hinweg zu verbergen. Er hat den Krieg überstanden, ist aber wenige Wochen nach Kriegsende am 16.09.1945 in Bloemendaal in Holland an Entkräftung gestorben.
Schon zehn Jahre vor seinem Tod war sein Name aus der deutschen Rechtsgeschichte eliminiert worden: 1934 versuchte der Dekan der rechtwissenschaftlichen Fakultät der Universität Frankfurt, Prof. Klausing, auf eine Anfrage des Reichspropagandaministeriums hin das Wirken Hugo Sinzheimers an der Universität herunterzuspielen: Die „Akademie der Arbeit“, die Sinzheimer 1920 gegründet hatte, sei nur Folge des Nachgebens auf die Erpressungen der „roten Gewerkschaften“ gewesen; das von Sinzheimer beanspruchte Monopol für das Arbeitsrecht sei ihm nie zuerkannt worden, und auch sein Einfluss auf die Personalpolitik der Fakultät sei sehr gering gewesen; allein die Berufung von Hermann Heller, dem großen sozialdemokratischen Staatsrechtslehrer, nach Frankfurt, für die sich Sinzheimer sehr eingesetzt hatte, sei leider nicht zu verhindern gewesen. Im Oktober 1936 gab Reichsminister Franke auf einer Tagung deutscher Hochschullehrer dann die Direktive aus, dass es für die Zukunft unmöglich ist, dass „deutsche Lehrmeinungen künftig auch nur irgendwie auf Lehrmeinungen, die von jüdischen Wissenschaftlern vertreten werden, aufgebaut werden“! Auch Carl Schmitt, einer der bedeutendsten Staatsrechtslehrer der Weimarer Zeit, forderte auf derselben Veranstaltung dazu auf, den Zustand, dass maßgebende Lehrbücher und Kommentare von Juden stammen, zu beseitigen.
Nur zu schnell wurde diese Direktiven auf dem Gebiet des Arbeitsrechts Folge geleistet. Da die Gedanken und Rechtsentwicklungen Hugo Sinzheimers aber selbst für den national-sozialistischen Staat unverzichtbar geworden waren, wurden sie von system-konformen Hochschullehrern, jedoch als dem eigenen Geist entsprungen, weiterhin als Fundament des Arbeitsrechts benutzt. Dieser Missstand besteht selbst heute noch zum Teil weiter fort: In einigen Standardwerken zum Arbeitsrecht, deren Ur-Auflagen auf die nationalsozialistische Zeit zurückgehen und die sich immer noch großer Beliebtheit erfreuen, ist der Name Hugo Sinzheimers allerhöchstens als vereinzelte Fußnote zu finden.
An der Ausformung und Kodifizierung des deutschen Arbeitsrechts haben die Nationalsozialisten aber keinerlei Anteil!
Das Verdienst, als Schöpfer des Arbeitsrechts und als dessen Vorkämpfer im praktischen Leben in die Rechtsgeschichte einzugehen, gebührt einzig und allein Hugo Sinzheimer!

Literaturangaben

  • Franz Böhm, Geleitwort in: Sinzheimer, Jüdische Klassiker der deutschen Rechstwissenschaft, Frankfurt 1935
  • Ernst Fraenkel, Hugo Sinzheimer, in: Juristenzeitung 1958.S. 457 ff
  • Otto Kahn-Freund, Hugo Sinzheimer (1875 – 1945) in: Arbeitsrecht und Rechtssoziologie, Gesammelte Aufsätze und Reden von Hugo Sinzheimer, 2 Bände, Herausgeber: Otto Kahn-Freund, Thilo Ramm, Frankfurt 1976
  • Otto Kirchheimer, Einführung, in: Hugo Sinzheimer, Ernst Fraenkel, Die Justiz in der Weimarer Republik, Neuwied, Berlin 1968
  • Spiros Simitis, Einleitung, in: Hugo Sinzheimer Gedächtnisveranstaltung zum 100. Geburtsag Köln, Fankfurt 1977
  • Wolfram Wildberger, Hugo Sinzheimers Beitrag zur Entwicklung der Rechtsstellung der Gewerkschaften Berlin 1965 (jur. Diss.)

Die Bibliographie des Werkes von Hugo Sinzheimer, abgedruckt in: „Arbeitsrecht und Rechtssoziologie – Gesammelte Aufsätze und Reden“, Band 2, herausgegeben von Otto Kahn-Freund und Thilo Ramm, Frankfurt 1976, umfasst über 200 Veröffentlichungen.Daraus seien hier nur einige wenige der bedeutendsten aufgeführt:

  • Lohn und Aufrechnung. Ein Beitrag zur Lehre vom gewerblichen Arbeitsvertrag auf reichsrechtlicher Grundlage Berlin 1902
  • Der Korporative Arbeitsnormenvertrag – Leipzig 1907 – 2. Auflage Berlin 1977
  • Brauchen wir ein Arbeitstarifgesetz? Rechtsfragen des Tarifvertrags – Jena 1913
  • Ein Arbeitstarifgesetz. Die Idee der sozialen Selbstbestimmung im Recht – München, Leipzig 1916 – 2. Auflage Berlin1977
  • Die Aufgabe der Volksbildung nach dem Kriege – Frankfurt 1916
  • Das Rätesystem. Zwei Vorträge zur Einführung in den Rätegedanken – Frankfurt 1919
  • Grundzüge des Arbeitsrechts – Jena 1921 – 2. Auflage Jena 1927
  • Die Bedeutung der Gewerkschaften im neuen Arbeitsrecht, in: Jahrbuch für Sozialpolitik, Bd. 1, 1930, S. 58 ff
  • Das Problem des Menschen im Recht – Antrittsrede als Professor für Rechtssoziologie an der Universität von Amsterdam am 06.11.1933 – Groningen 1933
  • Jüdische Klassiker der deutschen Rechtswissenschaft – Amsterdam 1938 – 2. Auflage Frankfurt 1953
  • Theorie der Gesetzgebung. Die Idee der Evolution im Recht – Haarlem 1949
  • Die Justiz in der Weimarer Republik. Eine Chronik. (Mitautor: Ernst Fraenkel), Hrsg. Thilo Ramm, Neuwied, Berlin 1968

Anmerkung: Die erste Veröffentlichung dieses Aufsatzes erfolgte in: Humanitas, Mitteilungsblatt des Rudi-Stephan-Gymnasiums Worms, 3. Folge, Heft 5/ November 1985. Hugo Sinzheimer war Schüler des Rudi-Stephan-Gymnasiums. Der Autor Thomas Wirth, Schüler der gleichen Schule, überarbeitete 2002 die Einleitung des Aufsatzes.

Josef Mattes

                                          

     

     

    5. Gerd Spies, geb. 1917

    Ehemaliger Wormser wurde 90 Jahre alt / Interessiert am Geschehen in Worms

    WORMS (usw) Alle zwei Jahre kommt Gerhard Spies, von seinen Freunden Gerd genannt, zu Besuch nach Worms und bleibt für rund 14 Tage. Anders als Georg Kreisler, der kürzlich in einem Interview sagte, dass Wien, die Stadt seiner Kindheit, sich seit seiner Emigration so verändert habe, dass man von Heimat gar nicht sprechen könne, fühlt sich Spies mit seiner Geburtsstadt wie mit unsichtbare Fäden verbunden. Mit wachen Augen geht er durch die Straßen, vergewissert sich im Geiste der Häuser und Geschäfte, die es heute nicht mehr gibt, besucht die Gräber seiner Vorfahren sowie die Stätten, die ihm von klein auf lieb und vertraut sind, nimmt aber mit dem gleichen Wachheit auch die neuen Entwicklungen wahr. Er ist bisweilen so unermüdlich auf Achse, dass seine Wormser Freunde gelegentlich kaum noch mithalten können.
    Und das obwohl er am 31. Dezember 90 Jahre alt wurde!
    Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass Gerd Spies Jude ist und dass er guten Grund gehabt hätte, Worms ein für allemal den Rücken zu kehren. Er erfuhr die zunehmende Ausgrenzung der Juden als Schüler des altsprachlichen Gymnasiums hautnah ­ Dr. Burkard Keilmann hat es in seinem Buch “Deo ­ patriae ­ moribus ­ studiis³ erwähnt ­ verließ 1936 Deutschland, weil er dort vom Studium ausgeschlossen wurde, um in Bern, Italien und Paris zu studieren und erhielt noch rechtzeitig vor Kriegsbeginn sein Visum für die Ausreise nach USA. Seine Eltern indessen, beide überaus aktiv in der Israelitischen Gemeinde Worms, der Vater von 1993 bis 93 Vorsitzender der Gemeinde ­ er hatte im Ersten Weltkrieg eine Beinverwundung davon getragen, die im zeitlebens Probleme machte ­ , die Mutter Gründerin der Zionistischen Ortsgruppe, der Hechaluz, erlebten die Schrecken der Reichskristallnacht in ihrem ganzen Ausmaß.
    Gerd Spies war ein Schulfreund von Johann Arenz gewesen und über eine Todesanzeige kam er wieder mit ihm in Kontakt. 1961 machte er zum ersten Mal Station bei dem alten Klassenkameraden und dessen Familie, hatte aber auch von Anfang an enge Beziehungen zu Annelore Schlösser, Fritz Reuter, Stella Schindler-Siegreich und nicht zuletzt zu Warmaisa: er schickte dem Verein unter anderem verschiedene rituelle Gegenstände, die Bestandteil des Warmaisakoffers sind, eines Koffers, der in Schulklassen eingesetzt wird, um Wissenswertes über den jüdischen Kultus zu vermitteln. Dafür wurde Spies vor dreieinhalb Jahren zum Ehrenmitglied von Warmaisa ernannt.
    Gerd Spies lebt heute in Mamaroneck bei New York und hat sich auch dort auf vielfältige Weise ins öffentliche Leben eingebracht. Vor allem war er in verantwortlicher Position im Gemeindeleben tätig, übernahm aber auch sonst viele soziale Aufgaben, kümmerte sich intensiv um aus der Bahn geworfene Jugendliche, ist Vorsitzender des Gedächtniskomitées für jüdische NS-Opfer in Worms (Memorial Commitee for Jewish Victims of Nazism from Worms). Für sein soziales Engagment wurde er 1988 mit dem Award seiner Kommune ausgezeichnet.