Gerd Spies, geb. 1917

Ehemaliger Wormser wurde 90 Jahre alt / Interessiert am Geschehen in Worms

WORMS (usw) Alle zwei Jahre kommt Gerhard Spies, von seinen Freunden Gerd genannt, zu Besuch nach Worms und bleibt für rund 14 Tage. Anders als Georg Kreisler, der kürzlich in einem Interview sagte, dass Wien, die Stadt seiner Kindheit, sich seit seiner Emigration so verändert habe, dass man von Heimat gar nicht sprechen könne, fühlt sich Spies mit seiner Geburtsstadt wie mit unsichtbare Fäden verbunden. Mit wachen Augen geht er durch die Straßen, vergewissert sich im Geiste der Häuser und Geschäfte, die es heute nicht mehr gibt, besucht die Gräber seiner Vorfahren sowie die Stätten, die ihm von klein auf lieb und vertraut sind, nimmt aber mit dem gleichen Wachheit auch die neuen Entwicklungen wahr. Er ist bisweilen so unermüdlich auf Achse, dass seine Wormser Freunde gelegentlich kaum noch mithalten können.

Und das obwohl er am 31. Dezember 90 Jahre alt wurde!

Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass Gerd Spies Jude ist und dass er guten Grund gehabt hätte, Worms ein für allemal den Rücken zu kehren. Er erfuhr die zunehmende Ausgrenzung der Juden als Schüler des altsprachlichen Gymnasiums hautnah ­ Dr. Burkard Keilmann hat es in seinem Buch „Deo ­ patriae ­ moribus ­ studiis³ erwähnt ­ verließ 1936 Deutschland, weil er dort vom Studium ausgeschlossen wurde, um in Bern, Italien und Paris zu studieren und erhielt noch rechtzeitig vor Kriegsbeginn sein Visum für die Ausreise nach USA. Seine Eltern indessen, beide überaus aktiv in der Israelitischen Gemeinde Worms, der Vater von 1993 bis 93 Vorsitzender der Gemeinde ­ er hatte im Ersten Weltkrieg eine Beinverwundung davon getragen, die im zeitlebens Probleme machte ­ , die Mutter Gründerin der Zionistischen Ortsgruppe, der Hechaluz, erlebten die Schrecken der Reichskristallnacht in ihrem ganzen Ausmaß.

Gerd Spies war ein Schulfreund von Johann Arenz gewesen und über eine Todesanzeige kam er wieder mit ihm in Kontakt. 1961 machte er zum ersten Mal Station bei dem alten Klassenkameraden und dessen Familie, hatte aber auch von Anfang an enge Beziehungen zu Annelore Schlösser, Fritz Reuter, Stella Schindler-Siegreich und nicht zuletzt zu Warmaisa: er schickte dem Verein unter anderem verschiedene rituelle Gegenstände, die Bestandteil des Warmaisakoffers sind, eines Koffers, der in Schulklassen eingesetzt wird, um Wissenswertes über den jüdischen Kultus zu vermitteln. Dafür wurde Spies vor dreieinhalb Jahren zum Ehrenmitglied von Warmaisa ernannt.

Gerd Spies lebt heute in Mamaroneck bei New York und hat sich auch dort auf vielfältige Weise ins öffentliche Leben eingebracht. Vor allem war er in verantwortlicher Position im Gemeindeleben tätig, übernahm aber auch sonst viele soziale Aufgaben, kümmerte sich intensiv um aus der Bahn geworfene Jugendliche, ist Vorsitzender des Gedächtniskomitées für jüdische NS-Opfer in Worms (Memorial Commitee for Jewish Victims of Nazism from Worms). Für sein soziales Engagment wurde er 1988 mit dem Award seiner Kommune ausgezeichnet.